Polen hin und zurück Teil I

Von Siegfried Gerdau

Meine Wurzeln väterlicherseits liegen im heutigen Polen. Genauer in Elbing (heute Elbląg) in Westpreußen. Mein Vater Otto, Jahrgang 1908, hat nie viel von seiner Heimat erzählt. Zu sehr war er bis zu seinem Tode damit beschäftigt, dass es sie für ihn nicht mehr gab. Sehr viel erzählte er jedoch von seiner Kindheit, als er mit selbstgebauten Strandsegelwagen am nahen Frischen Haff unterwegs war. Den Krieg erlebte er Anfangs noch als Polizist und später als Soldat in Russland sowie an der französischen Atlantikküste. Kurz vor Kriegsende wurde seine Einheit erneut in Richtung Ostfront verlegt, aber sie kam gerade bis nach Sechshelden und dann war der Krieg am 8. Mai 1945 aus. Nur vier Wochen war er in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, dann lernte er die Liebe seines Lebens, meine Mutter Ursula kennen.  

Mein Vater war der beste Vater der Welt und ich verehre und liebe ihn immer noch. Was ich jedoch nicht schaffte, mit ihm in seine alte Heimat zu fahren. Er hatte Furcht davor, nichts mehr wiederzuerkennen. Alleine der Gedanke daran wühlte ihn auf. Zumindest hatte ich manches Mal diesen Eindruck. Ich gab es auf, ihn überreden zu wollen und begrub dieses Thema letztlich auch in mir.

Die Alleenstraßen hatten mir schon im Osten immer gut gefallen. In Polen gibt es noch viel mehr davon.

Es dauerte viele Jahrzehnte, bis ich soweit war, mit ihm in meinem Herzen die Reise in ein mir völlig unbekanntes und doch schmerzlich vertrautes Land anzutreten. Im Juni 2014 packten wir das Wohnmobil für einen Fünf- Wochen-Trip. Die Bedenken meiner Freunde: „Wenn du mit deinem schönen Wo-Mo nach Polen fährst, kommst du mit einem 500er Fiat wieder“, zerstreuten sich bereits nach wenigen Tagen.

Auch viele wunderschöne Klapperstörche haben in Polen noch eine Heimat.

Bis auf die unendlich vielen Blitzer an den Orts-Ein- und Ausgängen passierte absolut nichts und niemand schien sich für die Niemiecki, die beiden Deutschen zu interessieren. Wir dagegen fanden alles spannend was wir sahen.

Dass, was auf unseren Äckern als Unkraut schon lange totgespritzt wurde, kann man hier auf riesigen Feldern noch bewundern.

Da die Wurzeln von Petras Vaters Klaus Zimmermann im pommerschen Kolberg an der polnischen Ostsee (heute Kołobrzeg) liegen, hatten wir gleich mehrere Ziele, die wir unbedingt erkunden mussten.

Die alte, wiederaufgebaute Kirche Kolbergs erinnert auch an den „Polnischen Papst“.

Über Stettin ging es nach Kolberg und wir stellten mit Erstaunen fest, dass die aufs Feinste herausgeputzte Stadt fest in der Hand deutscher Touristen und „Kurlauber“ ist. Wir schraubten uns durch den dichten Verkehr und besuchten die alte Backsteinkirche in der Petras Ur-Großvater einst als Pastor wirkte. Der Ostseestrand unterschied sich überhaupt nicht von Travemünde oder vergleichbaren westdeutschen Nobelbädern.

Die Währung in Polen ist immer noch der Zloty (PLN). Hier an diesen Wechselstuben Kantor kann kann man in der Regel gut und zuverlässig seine Euro wechseln. In Euro zahlen zu wollen ist oft nicht möglich und auch nicht empfehlenswert.

In Mielno zwischen Ostsee und dem Jezioro Jamno fanden wir einen wunderschönen Stellplatz mit einer Sanitäranlage vom Feinsten zum gepflegten Übernachten. Das nächste Ziel war Stolp (poln. Słupsk) mit seinem wunderschönen roten Backsteinrathaus und Ustka (Stolpmünde) mit seinem kleinen Fischerhafen, aber Danzig lockte.

Übernachten konnten wir in Anlehnung an ein tolles Restaurant an der E 28 namens Krywań. Dwór góralski. Der Jezioro Lubowidzkie-See unterhalb lud am nächsten Tag zu einem kleinen Spaziergang ein. Dem  Navi-Gerät gab ich die Stadtmitte von Danzig ein und es führte uns direkt gegenüber des weltbekannten Krantors in eine Parklücke.

Das Krantor in Danzig, eine weltbekannte historische Schiffsentladeeinrichtung, passierte im Moment der Aufnahme ein historischer Touristensegler.

Vom Krantor hatte mein Vater manchmal erzählt und ich war gefangen von dem Wahrzeichen dieser geschichtsträchtigen Stadt. Wir konnten übrigens leichten Herzens in die Stadt gehen. Direkt an unserem Parkplatz war ein Kontrollposten mit Sicherheitsleuten. Mit denen nahmen wir Kontakt auf und sie versicherten uns, dass wir uns keine Gedanken um unser Wohnmobil machen müssten.

Wenn man überlegt, dass Danzig 1945 eine Trümmerwüste war, kann man erst die gewaltige Aufbauleistung der Stadt würdigen.

Um es gleich vorweg zu sagen, Danzig ist mehr als nur eine Reise Wert und unbeschreiblich schön. Ich gönnte mir einen Blick vom 88 Meter hohen Turm der gotischen Marienkirche, der höchsten Backsteinkirche der Welt und sah bei dieser Gelegenheit auch ein wenig hinter die Kulissen der ehemaligen Hansestadt. Der Wiederaufbau nach Kriegsende war enorm. Die alten Hanse-Häuser bekamen ihr historisches Gesicht wieder und dahinter- von außen unsichtbar- wurden praktische Wohnkomplexe erstellt.

In den Hafenanlagen der Danziger Werft (im Hintergrund) entwickelte sich der Aufstand gegen das kommunistische Regime.

Die Hafenanlagen erinnerten mich sofort an den Kampf der Danziger gegen das kommunistische Regime unter Führung der landesweiten Gewerkschaftsbewegung Solidarność um Lech Wałęsa.

Bernstein in unzähligen Formen und Farben kann man in der Mariengasse kaufen.

Ein weiteres Highlight ist die Frauen- oder Mariengasse (Ulica Mariacka). Mit ihren Bernsteinläden vor den reichgeschmückten Bürgerhäusern ist sie ein Beispiel für die einstige Danziger Straßenbebauung.

Unser Wohnmobil brachte uns auf direktem Weg nach Elbing. Gefühlt begleitete mein Vater unseren Weg . Darüber aber mehr im II. Teil. Fotos: Siegfried Gerdau 

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