Alternative Müll-die EssensRetter

Was passiert eigentlich mit den Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeit abgelaufen ist oder bald abläuft? Ganz einfach sie kommen in den Müll. Das passiert täglich mit zig Tonnen Wurst, Käse, Fleisch, Milch oder anderen Packungen. Der Ablauf ehemals teurer Ware und macht auch vor Zahnpasta, Schokolade, Milch und all den Köstlichkeiten des täglichen Bedarfs nicht Halt.

Ist das Müll?

Die Mülltonnen der Lebensmittelmärkte sind voll davon und die Mitarbeiter sorgen dafür, dass ständig neuer Nachschub darin landet.

Dieser scheinbar unökonomische und zumindest moralisch fragwürdiger Kreislauf rief ein Mann und zwei Frauen aus der Dillkreis-Region auf den Plan. Sie wollten sich nicht damit abfinden, dass die Lebensmittelindustrie tonnenweise teure Produkte produziert, die am Ende nur noch Müll sind. Die abertausend Nikoläuse, Osterhasen, Pralinen und Würste, alle fein in fester Folie oder Silberpapier verpackt und nur, weil die Mindesthaltbarkeit rechnerisch nicht mehr garantiert werden kann, in den Abfall? Das geht einfach nicht, dachten sich Anke Freiberg (47) und Markus Krämer (49) aus Burg sowie ihre 52-jährige Mitstreiterin Michaela Kuhlmann aus Hörbach.

Anke Freiberg
Michaela Kuhlmann
Markus Krämer

Die drei kannten sich bereits aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit bei der bundesweit agierenden Organisation namens „foodsharing“. Dort war ihnen aber das Organisationskonzept zu eng. So war es nicht möglich, dass sie nach eigenem Dafürhalten Lebensmittelhändler ansprechen durften, um abgelaufene Waren zu bekommen. Der Dachverband legt fest, wer dafür in Frage kommt. Kurzerhand gründeten sie die „EssensRetter Dillkreis“.

Markus Krämer hat wieder einmal eine neue Ladung Lebensmittel bekommen.

Ihre Ziele lassen sich recht einfach beschreiben: „Wir wollen Industrie und Handel dazu bewegen, dass Überproduktionen vermieden werden. Ein hehres Ziel. Wenn dennoch Waren wie Tiefkühlprodukte, Trockennahrung, Konserven und Co übrigbleiben, stehen wir bereit diese zu übernehmen und an Bedürftige zu verteilen“, erklärte Markus Krämer. Wir wollen jedoch auf keinen Fall in Konkurrenz zu Organisationen wie Tafeln und ähnlichen wohltätigen Vereinen treten, fügte er hinzu.

Die Kundinnen „kaufen“ wie fast jeden Tag bei Michaela Kuhlmann ein.

Im Unterschied zu diesen gibt es bei den EssensRetter keine „Anwärterzeiten“ auf einen Platz vor der „Theke“. Auch Einkommensnachweise oder Bescheinigungen über die Bedürftigkeit sind bei den EssensRetter fehl am Platze. Hier in Hörbach oder Burg darf jeder und so gut wie zu jeder Zeit sich das aussuchen was er möchte und das so lange der Vorrat reicht. Für den Nachschub sorgt Markus. Dafür klappert er täglich seine „Lieferanten“ ab und legt mit seinem betagten PKW hunderte Kilometer monatlich zurück. Ehrenamtlich wie auch die anderen. Von den vielen Arbeitsstunden will der durch einen Schlaganfall belastete Mann gar nicht reden. Wenn ich zu einem unserer Partner fahre und mir dann eröffnet wird „heute gibt es nichts“, freue ich mich und sage dem Chef oder Geschäftsführer „alles richtig gemacht.“ Genau das sei ihr Ziel, Müllvermeidung durch gute Planung und Organisation und damit mehr Nachhaltigkeit und Schonung der Ressourcen zu erreichen.

Alles fein verpackt und teils noch wochenlang genießbar.

Es gibt unzählige bedürftige Menschen in der Region und denen wollen wir ermöglichen, dass sie auch ohne Geld einkaufen können. Darüber hinaus ist es uns gleichgültig wenn welche zu uns kommen, deren Bedürftigkeit nicht unbedingt gegeben ist, sagt Michaela Kuhlmann, deren Antrieb für ihre Arbeit einen christlichen Hintergrund hat.

So stehen wir auch zur Verfügung, wenn zum Beispiel alleinlebende Menschen nicht in der Lage sind das Haus zu verlassen. Wir versorgen sie völlig unentgeltlich mit dem täglichen Bedarf an Lebensmitteln. In der Hochzeit von Corona, als alle Tafeln geschlossen waren, standen wir auch weiterhin für unser Klientel zur Verfügung, erinnert Markus. „Menschen wollen und müssen auch in Pandemiezeiten essen.“

Die EssensRetter Dillkreis würden gerne ihren Versorgungskreis vergrößern. Weitere Anfahrten oder Anmarschwege sind den Menschen, die sich nur schlecht bewegen können oder die kein eigenes Auto haben meist zu beschwerlich.

„Wir suchen Freiwillige, die ehrenamtlich Verteilstellen in ihrer Nähe aufmachen und bedienen. So wie Michaela. Sie hat kurzerhand einen ungenutzten Kellerraum, der von außen zu betreten ist, als Verteilraum eingerichtet. Dort wird alles von Pampers über Wurst in Folie bis hin zu Bananen und Paprika angeboten und an Frau oder Mann gebracht. Sie hat per WhatsApp ein eigenes OrgSystem entwickelt. So schreibt sie ihre „Stammkunden“ an, wenn wieder eine Lieferung eingetroffen ist. Die können dann entscheiden, ob etwas dabei ist was sie benötigen. Das kann täglich oder mehrmals wöchentlich sein. In Burg geht das etwas anders. Hier arbeiten Anke und Markus nach dem Zuruf-System und mittels Facebook. Es spricht sich herum und ihre potentiellen Kunden schauen einfach mal herein, um zu sehen ob es etwas Neues gibt. Ein unbezahlter Fulltime-Job und dennoch sind alle EssensRetter fest davon überzeugt, dass Richtige zu tun.

Wir brauchen dringen Unterstützung und zwar mit Mann und Frauen-Power aber auch gerne mit ein wenig Geld. Das Benzin muss ebenso bezahlt werden wie so viele andere „kleine Gefälligkeiten“, die in vielfältiger Form ständig anfallen.

Wer helfen oder sich auch nur informieren möchte, kann den EssensRettern eine mail: herborn.heimat@gmail.com schicken oder einfach anrufen Phone: 02772 574 590 oder 0160 95 500 818. sig/Fotos: Gerdau

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