Caféhaus-Sterben leicht gemacht.

Von Siegfried Gerdau

Cafés Gaststätten und Restaurants haben in zivilisierten Gesellschaftssystemen eine hohe Sozialisierungsfunktion. Menschen treffen sich, reden miteinander, tauschen Sorgen und Nöte genauso wie freudige Ereignisse oder ganz profane Nachrichten untereinander aus. Neben der reinen Versorgung mit Speisen und Getränken haben Caféhausbetreiberinnen und Betreiber somit eine der wichtigsten Funktionen überhaupt. Sie sind der gesellschaftliche Kitt und decken ohne eigenes Zutun die Bereiche Kummerkasten, Informationszentrale und Sozialarbeit mit all ihren Facetten ab.

Das Eisemrother Café Lönneberga ist Geschichte.

Die Erwartungen an die Betreiber sind dementsprechend hoch. Die Häuser müssen ansprechend eingerichtet, das Servicepersonal professionell geschult und in jeder Situation freundlich und zuvorkommend sein. Möglichst schnell müssen die bestellten Gerichte oder auch nur die Getränke, natürlich allererster Güte und vor allem preislich akzeptabel, serviert werden. Das Angebot auf Speise-und Getränkekarten sollte so umfangreich wie möglich sein und die Zutaten frisch und aus regionalen Betrieben kommen.

Die Gasträume müssen angenehm temperiert und äußerst gepflegt sein, die Öffnungszeiten nach Möglichkeit den Ausgehgewohnheiten der Gäste entsprechen. Parkplätze sollten in ausreichender Zahl in der Nähe vorhanden sein. Die parkenden Fahrzeuge jedoch die umliegenden Anwohner nicht stören und keinen Lärm verursachen.

Das alles ist die eine Seite der Medaille. Selbstverständlich müssen sich die Gäste keine Gedanken um die Bedürfnisse von Café und Gaststättenbetreibern machen. Sie dürfen davon ausgehen, dass sie für ihr gutes Geld alles, was ihnen persönlich guttut, auch bekommen.

Dennoch will ich einen Blick hinter die Kulissen werfen und deutlich machen, warum so mancher Dienstleister plötzlich und unerwartet das Handtuch wirft. Sicher gibt es Betriebsschließung wegen zu großer Blauäugigkeit und mangelnder Fach- und Sachkenntnis. In der Regel sind jedoch die überbordenden administrativen Zwänge und Auflagen der Grund, warum der besten Wirtin oder Wirt irgendwann der Kragen platzt oder einfach die Luft wegbleibt.

Ein Beispiel ist das schöne, von den Gästen sehr gut angenommene und wunderbar gelegene, ehemalige Café „Lönneberga“ in Siegbach-Eisemroth. Die Betreiber, das Ehepaar Stephanie und Jörn Rink eröffneten es im Herbst des vergangenen Jahres, nach umfangreichen Bau-und Renovierungsmaßnahmen im eigenen Haus.

Steffi Rink

Steffi, die hübsche Frohnatur, hatte klare Vorstellungen, fachliches Knowhow, ließ die Finger fliegen, backte Kuchen, hielt die Räume blitzsauber und die Gäste besuchten an schönen Tagen dieses liebevoll eingerichteten Café in großer Zahl. An manchen Tagen kamen bis zu 80 Personen. Der Laden lief und es sprach sich innerhalb kürzester Zeit herum, dass durchs wunderschön gelegenen Eisemroth nicht nur ein perfekter Radweg führt, sondern ein Café allererster Sahne vorhanden war.

Sehr schnell kam aber auch der Beamtenapparat in Schwung und kaum klingelten die ersten Cent in der Kasse des Hauses, waren die öffentlichen Bediensteten zur Stelle und machten kostenpflichtige Auflagen ohne Ende. Sie interessierte nicht die Nachhaltigkeit des kleinen Unternehmens für die Region. Nicht die Bedürfnisse von Gast und Betreiber. Auch der Vorteil für Natur und den Gesundheitsgewinn für die Radfahrerinnen und Radfahrer, war nicht maßgeblich.

Der Amtsschimmel wollte Futter, egal wie und die Vielzahl von Vorschriften und Paragraphen müssen erfüllt werden.

Steffi erzählt: „Da kamen GEZ, Gema, die Berufsgenossenschaft und die IHK. Die Gewerbeaufsicht kontrollierte und natürlich der Brandschutz. Die immens ansteigenden Stromgebühren waren kaum noch zu Händeln. 40 Euro pro Monat zahlte ich dafür, dass ich meine Registrierkasse betreiben durfte. Gebühren für Müll und Wasser, Krankenversicherung und Gebühren für Minijobberzentrale und Versicherungen. Auch die deutlich höheren Heizkosten schlugen erheblich zu Buche. Nicht zu vergessen die Grund-und Gewerbesteuer.“

„Anstatt auch nur einen Euro zu verdienen, rutschten wir Monat für Monat immer mehr ins Minus“, sagte die junge Frau. Wir konnten halt nur an Wochenende Gäste erwarten und dann brauchte ich besonders bei schönem Wetter zusätzliche Mitarbeiterinnen, fügt sie hinzu. Wenn mein Mann nicht Geld verdienen würde und wir auch keine Miete zahlen müssen, hätten wir das alles noch keine vier Wochen überlebt. Mein Steuerberater (der dies alles ja auch nicht umsonst macht) sprach von zunehmendem Sterben der Gastronomie. Die exorbitant steigenden Strom- und Nahrungsmittelpreise, hohe Treibstoffpreise und Mieten, animieren die Menschen nicht gerade dazu, ihre verbleibenden Euros in Cafés zu tragen.

Ende 2021 zogen mein Mann und ich Bilanz. Nach Abzug aller Verbindlichkeiten verblieben uns satte 1 600 Euro Verlust. Dafür habe ich sieben Tage in der Woche schwer geschuftet, war Tag für Tag entweder im Café oder dafür unterwegs. Das „bisschen Haushalt“ für unsere dreiköpfigen Familie habe ich überhaupt nicht dazugerechnet. Verdient hat mein Mann und einen Teil davon ins Café gesteckt.

Schluss und zwar auf der Stelle. Das war das Resultat langer, schmerzlicher Beratungen. „Ich habe alles richtig gemacht. Die Gäste waren mehr als zufrieden und auch die Haushaltsführung hat immer gestimmt. Gelernt habe ich, dass man einen solchen Laden, der nur an drei Tagen in der Woche läuft, nicht wirtschaftlich betreiben kann. Ich habe begriffen, dass es in Deutschland nicht gewollt ist, dass ein kleiner Betrieb überlebt. Mein Steuerberater hat mir bescheinigt alles korrekt gemacht zu haben. Caféhausbetreiber müssten sieben Tage in der Woche geöffnet haben und immer ein paar Events anbieten, um geradeso über die Runden zu kommen. Er kenne kein Café, dass nennenswerte schwarze Zahlen erwirtschaftet und dies nicht einmal in den Städten.“

Steffi ist traurig. Nicht nur weil sie das Lönneberga mit viel Herzblut aufgebaut hat und es trotz guter Frequentierung schon nach kurzer Zeit erkennbar war, dass es so nicht funktionieren konnte. „Das alles ist sehr niederschmetternd“, sagt Stephanie Rink, die ehemalige Betreiberin des Erlebnis-Cafés Lönneberga. Sie wird jedoch auch weiterhin ihre schönen Räumlichkeiten für Ausstellungen und ähnliche Events nutzen. So fand am Sonntag die Fortsetzung der erfolgreichen Osterausstellung mit Ausstellern aus der Region statt. Bleibt nur zu hoffen, dass dabei die behördlichen Auflagen ein gesundes, nachvollziehbares Maß nicht übersteigen.

„Glückauf“, Steffi und Jörn, ich bin auch traurig, dass Euer schönes Lönneberga nunmehr Geschichte ist. Ich bleibe euch dennoch treu.  Fotos: Gerdau 

5 Gedanken zu „Caféhaus-Sterben leicht gemacht.

  • 11. April 2022 um 11:40
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    Das ist sehr schade, es war und wäre eine Bereicherung für Eisemroth, Siegbach und die ganze Umgebung. Leider kann ich Vieles nachvollziehen und kann entsprechend zustimmen.
    Es scheint so, als wären Gesetze und Paragraphen vor allem für große Unternehmen gemacht, die kleinen dürfen dann durchaus wegfallen.
    Manchmal wünschte man sich, das mal ein Behörden, aber auch Krankenkassenmitarbeiter und Landes- und Bundespolitiker nur einen Monat in der „kleinen“ Selbstständig arbeiten und leben und davon leben müsste. Länger würde sie es sowieso nicht machen.
    Es wäre schön, wenn sich für dieses Cafe und andere kleine Betriebe vielleicht doch Wege finden würden, unsere Gesellschaft und den Alltag wieder und weiter bereichern zu dürfen.

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  • 11. April 2022 um 11:58
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    Jaaaaaaaa, genau deswegen hab ich auch mein kleines geliebtes Café aufgegeben. ( obwohl es immer voll wahr blieb in 2,5 Jahren NIX übrig)
    Es macht in Deutschland einfach keinen Spaß……
    Schade, dass es das Lönneberga auch getroffen hat 😢

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  • 11. April 2022 um 16:39
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    Nach 47 Jahren Selbstständigkeit kann ich nur zustimmen, wir regulieren uns zu Tode, wie Apple in Garage Weltfirma gründen, hier unmöglich, sehr traurig, u keiner tut was , nur bla bla bla ……

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  • 12. April 2022 um 8:33
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    …wie ich schon immer sage! Wir haben über die Jahrzehnte einen Verwaltungsapparat uns angeschafft der wie ein Moloch ist und von den Bürger für jede Kleinigkeit Opfer fordert.
    Hier wäre ein Umdenken nötig! Es geht nicht darum das ein Staat sparen muss und seine steuern natürlich benötigt. Es geht darum das eine Staatsverwaltung effizient, schlank und wenig Regelwerk hat.
    Abgekoppelt von Parteiinteressen.

    Und genau da liegt das Problem. Jede Partei hat über die letzten Jahrzehnte ihre nicht geliebten oder geliebten „Parteisoldaten*innen in einen Amtsposten „abgeschoben oder ermöglicht. Die Verwaltungsanforderungen würden so verändert, dass jeder von diesen Menschen seine Aufgabe hat. Ob es Sinn macht oder nicht. Wir stehen vor einem Exodus den die Menschen die wir ernähren mit ihrem unsinnigen Tun, bestimmen was in der Staatsverwaltung wichtig ist und was nicht.
    Es gibt derzeit keine politische Partei die Willens ist,solches zu ändern. Eine Lösung gibt es, aber niemand der diese umsetzen kann.
    Das Ergebnis: Die Hauptstädte der Bundesländer und in Berlin leben in ihrer Käseglocke. Aus diesen kommen jeden Tag nur unwirsches Bla Bla Bla zu solch einem Thema.

    An dem Tag ..wo die Kuh gemolken, der Topf leer ist …werden wir wach! Wie immer in Deutschland …. 🤷 die Energie diese Worte,wenn auch schnell, zu schreiben,hätte ich mir sparen können. Denn mein Kaffee wird deswegen nur kalt.

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  • 12. April 2022 um 11:15
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    Sehr, sehr schade!
    Doch es wird nicht der einzige kleine Betrieb bleiben, der aufgeben muss.
    Wie Steffi schon sagt:“Ich habe begriffen, dass es in Deutschland nicht gewollt ist, dass man als kleiner Betrieb überlebt.“ Damit hat sie Recht.
    Wir sind (politisch gewollt) im Zeitalter der großen globalen Player angekommen. Das bedeutet leider, die Kleinen müssen und sollen ins Gras beißen. Es scheint nicht mehr gewollt, dass sich die Menschen in Caffeehäusern oder Kneipen oder Restaurants treffen. Dafür haben wir doch lieferando, bequem und einfach und man muss noch nicht einmal die Couch verlassen. Für alles Andere gibt es Amazon und andere große online Händler. Heutzutage ist es schick bei Rewe online zu bestellen, sich die Tüten zusammen packen zu lassen und dann nur noch abholen zu müssen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das Zusammenstellen der Waren in naher Zukunft durch Roboter erledigt wird. Wir brauchen in einer digitalisierten und technologisierten Welt keine Menschen mehr, die diese Dienstleistungen anbieten. Zwischenmenschliche Kontakte werden eh überbewertet. Wir können unsere Bedürfnisse komplett digital befriedigen. Online Einkäufe , online Meetings, Home Office, online Gottesdienste, FaceTime um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Netflix, Sky usw. für die Unterhaltung am Abend und als Ersatz für einen Kinobesuch. Telemedizin , wenn einen das ganze krank macht und im Anschluss noch einen Besuch in der online Apotheke.
    So stelle ich mir mein Leben in der schönen neuen Welt vor. Nicht zu vergessen, dass wir sowieso den Gürtel enger schnallen müssen und eh kein Geld mehr übrig haben werden uns den Luxus eines Besuches im Caffehaus leisten zu können.

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