Lanz gegen Merz- Boulevard-Journalismus im ZDF

Kommentar

von Siegfried Gerdau

Selten habe ich einen schlechteren und unhöflicheren Lanz gesehen. Was der gestern Nacht lieferte, war verbaler Boulevard- Journalismus par exzellenz. Seine Körpersprache machte deutlich, um was es ihm in erster Linie ging: “ Wie mache ich Merz am gründlichsten fertig.“ Der ließ sich jedoch nicht fertigmachen und hielt mit seiner guten Kinderstube und seinem profunden Fachwissen dagegen.


Mancher Zuschauer fragte sich sicher, was den Moderator geritten hat und was er eigentlich von Merz hören wollte. Über seine teilweise unverschämten Bemerkungen konnte der Politiker meist nur mitleidig lächeln und dennoch blieb er keine Antwort schuldig… wenn er denn die seltene Gelegenheit dazu hatte. Lanz wollte offensichtlich gar nichts ausführlich von ihm hören, sondern seinen Gast lieber mit Schlagworten und Plattheiten traktieren: („Sind sie sozusagen so etwas wie ein Maaßen light?“). Warum eigentlich hat er sich so in einen Mann verbissen, der noch nicht einmal ein politisches Amt innehat. Das stank gewaltig polarisierend und abgeledert.

Als die bis dahin überhaupt nicht zu Wort gekommene DIW-Professorin Claudia Kemfert (der weitere Gast in der Sendung) endlich grünes Licht bekam, sah sich Merz einer zweiten Front gegenüber. Er wehrte sich berechtigt gegen die aufgezwungene Rolle als „regierungsamtlicher Antwortgeber“, der er sicher nicht ist. Fazit: Nicht ohne Grund forderten 2014 mehr als 230. 000 Menschen die Entlassung des Moderators. Der Tenor der Forderung: Lanz hat zum wiederholten Male gezeigt, dass er weder fähig noch willens ist, seinen Gästen gleichberechtigt Wohlwollen, Referent und Anstand entgegenzubringen.“ Genau dieses Verhalten hat er am Donnerstagabend füßescharrend wieder einmal sehr anschaulich unter Beweis gestellt.

Was wird Intensivpfleger Ricardo Lange gedacht haben Angesichts eines ungehobelten Markus Lanz, der sich die Probleme auf deutschen Intensivstaionen zwar anhörte, sich danach sofort wieder seiner „Zielscheibe“ zuwandte.

Nicole Diekmann aus dem ZDF-Haupstadtstudio Berlin hätte sich gerne an der verbalen Dresche für Merz beteiligt. Ihre Einlassungen waren jedoch farblos und lasch.

Wer sich die Mühe machte, am Donnerstagabend bis zum ZDF- Programmbeginn um 23.15 Uhr aufzubleiben, hatte zum LANZ-Ende sicher einen schalen Geschmack im Mund. Gute Talk-Runden gehen anders und nicht jeder unhöfliche Moderator ist gleichzeitig auch ein Guter.

Den Kommentar, den Kollege Mirko Schmid von der Frankfurter Rundschau zum Thema geschrieben hat möchte ich Ihnen nicht vorenthalten

Markus Lanz im ZDF

„Der Talk vom 6. Mai“, ZDF, von Donnerstag, 6. Mai, ab 23.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.

ZDF-Talk: Friedrich Merz schwimmt, Markus Lanz beißt zu

Von Mirko Schmid Frankfurter Rundschau

Markus Lanz präsentiert im ZDF seinen Stargast Friedrich Merz – um den mäandernden Politiker dann vorzuführen. Relevant wird es mit Pfleger Ricardo Lange. Die TV-Kritik.

Mit Markus Lanz ist es immer so eine Sache. Positiv betrachtet kann man ihn einen Wadenbeißer nennen, der im ZDF regelmäßig Finger in Wunden legt. Der nachhakt, seine Fragen wiederholt, bis sie beantwortet werden und ein Gespür dafür hat, wenn sich einer seiner Gäste herauszuwinden versucht. In seinen besten Momenten erinnert er dann an Michel Friedmann zu dessen bester Zeit – vielleicht ein bisschen weniger aggressiv und auch ein Stück weit weniger verliebt in sich selbst.

In anderen Momenten scheint der oft gescholtene Linkenfresser durch, der sich auffällig häufig in jene verbeißt, die es wagen, konservative Dogmen infrage zu stellen. Dann kann Markus Lanz wie kaum ein Zweiter wütend machen oder wahlweise eine Röte des Fremdschams in Gesichter zaubern.

An diesem Abend macht Lanz fast alles richtig, vor allem darin, einen auf sehr unangenehme Weise von sich selbst überzeugten Protagonisten eines überholten Politikstils auf den Grill zu legen. Nicht oft war eine solche Verzwergung des Friedrich Merz zu erleben wie an diesem Abend. Dabei war er als Stargast eingeplant. Von Maybritt Illner als Einziger angekündigt, als diese den verbalen Staffelstab an Lanz weiterreicht.

Markus Lanz lässt Friedrich Merz zusammenschrumpfen

Und doch schrumpft Friedrich Merz, der sich in der CDU für so viel geeigneter hält als alle anderen, im Kreuzverhör des Markus Lanz im ZDF auf ein dermaßen mikroskopisches Bouquet aus Selbstgefälligkeit und Hilflosigkeit zusammen, dass man mit diesem Mann, dem die Moderne so offensichtlich zuwider ist, fast schon Mitleid haben kann. Natürlich nur so lange, bis es ihm wieder einmal gelingt, eine Frau mit einem passiv-aggressiven Unterton zurechtzuweisen, doch bitte die Klappe zu halten.

Oder wie Friedrich Merz es gegenüber Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert wörtlich herauspresst: „Jetzt unterbrechen Sie mich bitte nicht.“ Kurz bevor er ihr verächtlich lachend seinen Respekt verweigert, als Frau Kemfert dann auch mal reden darf. Dabei wäre er doch so gern der Maurer, wie es Markus Lanz nennt, der den „Renovierungsbedarf auf allen Etagen“ (Merz), den die bundesrepublikanische Politik ohne ihn, den Bessermacher, aufgestaut haben soll.

Damit Friedrich Merz allerdings endlich dort ankommt, wo er sich selbst sieht – also ganz oben – wird er auf seine späteren Jahre lernen müssen, sich zu erklären. Ob er unter einer Kanzlerin Annalana Baerbock ins Kabinett einziehen würde? Will er nicht drüber nachdenken, schließlich kämpfe man um Platz 1. Ober er das Gendern verbieten würde? Das geht in Deutschland doch gar nicht, „zumindest nicht in unserem Rechtssystem“. Wie er es findet, dass Populist Maaßen für die Thüringer CDU in den Bundestagswahlkampf geht? Inakzeptabel sei es, dem Wahlkreis reinzureden.

Friedrich Merz schwimmt, Markus Lanz beißt zu

In diesen Momenten ist Markus Lanz gut. Obwohl dieser Friedrich Merz weder für die Grünen noch für die Linkspartei Reden schwingt, beißt der Mini-Friedmann zu. Lässt Merz nicht von der Angel. Wirft immer wieder neue Kohle in den Grill, über dem Merz so sehr schmort, dass es niemanden hätte verwundern können, hätte er zu schreien angefangen. Oder hätte er die Weidel gemacht und wäre beleidigt abgezogen. Doch Merz, das muss man ihm lassen, bleibt auf seine Weise stabil. Er gibt die immer selben ausweichenden Antworten auf die immer selben klaren Fragen. So gesehen konsequent.

Doch Lanz spielt Merz‘ Spiel nicht mit, an diesem in Teilen echt denkwürdigen ZDF-Abend. Mehrfach macht der Talkmaster wenig subtil deutlich, dass er dem Politiker einfach nicht glaubt. Dass er ihm nicht abnimmt, dass er keinen Groll auf die CSU und Edmund Stoiber hegt, die ihn auf dem vermeintlichen Höhepunkt seiner Schaffenskraft aussortiert hatten. Und dass Merz, wenn es um Hans-Georg Maaßen geht, so rein gar nichts mehr von der in seiner Selbstbeschreibung behaupteten klaren Kante zeigt: „Sie eiern hier gerade unglaublich rum.“ Lanz macht den Rezo, das staunende Publikum erlebt die Zerstörung des Friedrich Merz.

Auch wenn es schade ist, wie wenig Markus Lanz seinen weiblichen Gästen, also eben Claudia Kemfert und der während ihrer viel zu kurz bemessenen Redezeit oft brillanten Journalistin Nicole Diekmann (zum Impfen: „Die Einstiche kommen immer näher“), an diesem Abend einräumt: Der eigentliche Skandal ist, dass sich Lanz viel zu lange mit einem alten weißen Mann kabbelt, der sich nicht zu schade ist, sich über eine angebliche Diskriminierung (sic!) aufzuregen, als er zu hören bekommt, dass ein politisches Urgestein wie er nicht wirklich wie ein Gesicht der Modernisierung wirkt.

Der eigentliche Stargast bei Markus Lanz heißt an diesem Abend Ricardo Lange

Denn der eigentliche Stargast dieses Abends ist ein anderer. Kein Politiker. Keine Journalistin und keine Professorin. Sondern ein Intensivpfleger. Und zwar dieser Ricardo Lange aus Berlin, der Gesundheitsminister Jens Spahn so lange auf die bedrückenden Missstände in deutschen Kliniken aufmerksam machen musste, bis dieser nicht mehr anders konnte, als dem Pfleger den Rahmen der Bundespressekonferenz zu bieten. Natürlich erst, nachdem Lange der Presse von all seinen hilflosen Versuchen berichten musste, Gehör bei diesem Minister zu finden. Dem er vergeblich Mails schrieb, ihm auf den Anrufbeantworter sprach.

Zu Gast bei Markus Lanz            

Claudia Kemfert              Wirtschaftswissenschaftlerin

Nicole Diekmann            Journalistin

Ricardo Lange   Intensivpfleger

Friedrich Merz  Politiker

Lange macht das nicht, weil er ins Rampenlicht will. Lange macht das, weil er etwas zu sagen hat. Weil er eine unbequeme Wahrheit mit sich rumträgt, die ihn nach eigenem Bekenntnis „emotional vergewaltigt“. Weil er es nicht mehr aushält, sich Vorwürfe zu machen, weil er es nicht gleichzeitig schafft, sich drei an heftigsten Corona-Symptomen leidenden Menschen in zwei verschiedenen Krankenzimmern zu widmen. Weil ihn die Politik im Stich lässt.

Und die Worte des Ricardo Lange tun weh. Sie sind unangenehm, bedrückend, berührend. Sie machen betroffen und wütend. Und sie machen hilflos. Und das vor dem Fernseher und nicht nach stundenlangem Dauereinsatz auf einer Intensivstation, auf der man vom System alleingelassen mit ansehen muss, wie schnell die Politik darin ist, Milliarden mit der Bazooka herauszuhauen, Fluglinien zu retten, aber so rein gar nichts gegen den Personalmangel auf den Stationen unternimmt.

Markus Lanz hätte gut daran getan, Ricardo Lange länger zuzuhören

Der Kloß im eigenen Hals schwillt an, wenn dieser stiernackige Mann von „Mama“ und „Papa“ spricht, die ihre Liebsten nicht mehr in den Arm nehmen können. Die in schwarze Säcke gepackt werden, weil die Zeit nicht mehr dazu reicht, sie herzurichten. Ihnen das Fenster zu öffnen, damit die Seele entweichen kann. Von ihnen als Pflegekraft Abschied zu nehmen. Wenn er erzählt, dass er sich dafür beleidigen lassen muss, dass er offen zugibt, wie sehr ihn das mitnimmt. Sich als Müllmann bezeichnen lassen muss, der für seinen Beruf ungeeignet ist, wenn er Probleme damit hat, den „Müll in schwarze Säcke“ zu packen.

Wenn er von Zuschriften erzählt, in denen behauptet wird, dass Puppen statt Menschen in den Intensivbetten lägen, um eine Pandemie vorzutäuschen. Während er mit ansehen muss, wie Betten auf einmal leer sind. Betten, in denen am Abend zuvor Menschen gelegen haben. Menschen, die um ihr Leben gekämpft haben. Und den Kampf verloren. Und wenn dieser Ricardo Lange uns alle daran erinnert, dass eben nicht nur die Alten und Schwachen um ihr Leben kämpfen. Sondern auch die 27-jährige werdende Mutter, der ihr Kind in der 25. Woche aus dem Leib entrissen werden muss, damit eine Überlebenschance bleibt.

Dieser Abend mit Markus Lanz und seinen Gästen war in Teilen bedeutend. Er hätte noch bedeutender werden können, wäre Ricardo Lange länger zur Sprache gekommen. Oder hätte man ihn mal gefragt, was er von dem ganzen Politiktheater hält, dass die Merzens, Söders und Laschets mit ihren abgehobenen Intrigenspielen aufführen. Wie relevant es auf der Intensivstation ist, wer von denen sich in welches Amt drängt.

Ricardo Lange hätte bei Markus Lanz noch viel mehr zu sagen gehabt

Doch nachdem Ricardo Langes, durchaus empathische, Befragung durch Markus Lanz zu Beginn der Sendung abgehakt ist, bleibt er leider ein stummer Beisitzer. Lanz bittet ihn nicht ein einziges weiteres Mal zu Wort. Dabei hat er doch so viel zu sagen, dieser Intensivpfleger aus Berlin. Zum Beispiel, wie sehr es ihn bedrückt, dass „irgendwelche Schauspieler“ von Minister Spahn sofort zum Gespräch eingeladen werden, wenn diese auf ätzende Art und Weise ihrem Unmut darüber Luft machen, dass sie noch ein wenig die Füße still halten müssen. Damit die Intensivstationen wieder atmen können.

Und wie er es findet, dass ihm ein Jens Spahn erst Gehör schenkt, nachdem er es mit seiner Beharrlichkeit auf die Titelseite einer Zeitung bringt. Und dort für den Minister unangenehm angeprangert wird, dass er dem Mann von der Front nicht zuhört. Anders als diesen Schauspielern, die in ihrer zynischen Selbstbezogenheit den Blick für diejenigen verloren haben, die um ihr Leben kämpfen. Oder um das anderer. Doch Applaus für seinen Kampf, den will Ricardo Lange nicht. „Das Rumgeklatsche hat mich genervt“, sagt er, „es müssen Taten folgen“.

Markus Lanz hätte ihm länger zuhören sollen an diesem Abend. Und wir alle sollten wieder lernen, den Richtigen zuzuhören. Und damit sind keine bornierten Schauspieler gemeint, die pseudo-witzige Systemkritik ins Internet erbrechen. Und erst recht keine Wiedergänger der Politik, die nicht wahrhaben wollen, dass der März vielleicht alles neu macht. Aber ganz sicher nicht der Merz. (Mirko Schmid)

Frankfurter Rundschau

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