Die Gorch Fock war ihre Heimat auf Zeit

Von Siegfried Gerdau

Der Herborner Stephan Seißler war 1992 als Toppsgast in der rund 120-köpfigen Stammbesatzung des Segelschulschiffes der Bundesmarine Gorch Fock für die Segel des Dreimasters im oberen Bereich zuständig. Am Freitag trafen sich alle seine ehemaligen Kameraden zum 30-jährigen Jubiläum in seinem Haus auf dem Rehberg. An den Autokennzeichen ließ sich leicht erkennen, dass die Teilnehmer aus der gesamten Bundesrepublik kamen. Selbst aus Österreich und der Schweiz waren einige Teilnehmer angereist.

Stephan Seißler (links) hatte eigens für das Treffen die passenden Bierdosen bestellt.

Der ehemalige Hauptgefreite W 12 führte eine Korporalschaft von 10 bis 12 Männer, die mit ihm für das Setzen und Bergen der gewaltigen Segel bis hoch in über 45 Meter Masthöhe zuständig waren. Die gesamte Besatzung der Bark von knapp über 200 Marinesoldatinnen und Soldaten setzt sich in etwa zu gleichen Teilen aus der Stammbesatzung und den auszubildenden Offiziersanwärterinnen und Anwärter zusammen.

Yvonne Seißler

Yvonne Seißler, die Ehefrau des Gastgebers, hatte den Hauptteil der Veranstaltung, nämlich das „Aufspüren“ der ehemaligen Kameraden ihres Mannes in monatelanger Kleinarbeit übernommen. „Ohne sie hätte das alles nicht geklappt“, lobt Stephan seine Vonni. Sie habe fast alle gefunden und das sei teilweise mühsame Detektivarbeit gewesen, sagte er. Einige der Ehemaligen sind leider schon verstorben, andere im Ausland heimisch geworden und auch Namensänderungen machten ihr das Leben schwer. Das es schließlich geklappt hat, sah man an der Zahl von 100 Teilnehmern.

Zu Beginn der Veranstaltung gedachten alle den Verstorbenen Kameraden und im Anschluss grüßte ihr damaliger Kommandant Kapitän zur See a.D. Immo von Schnurbein (84) per Telefoneinspielung. Vor Ort in Herborn war jedoch dessen Sohn Nikolaus von Schnurbein, der zur gleichen Zeit unter dem Kommando seines Vaters zusammen mit Stephan Seißler als Obergefreiter und Toppsmatrose auf dem Segelschulschiff seinen Wehrdienst leistete.

„Uns alle verbindet diese Zeit der Kameradschaft und Freundschaft“, sagt Stephan und räumt ein, dass sie alle auch viel Entbehrung hinnehmen mussten. So habe er und auch die Kameraden neun Monate mit 30 Mann auf 30 Quadratmeter in Hängematten übereinander geschlafen. Der Rest der Stammbesatzung wie Maschinisten und Köche hatte Kojen, aber eben nicht die Segelcrew, zu der er gehörte. Das war alles völlig normal, meinte er. „Wir hatten auf See untereinander ein tolles zwischenmenschliches Verhältnis. Die Seekadetten, aus den später einmal gute Offiziere werden sollten, unterlagen jedoch eher einem militärischen Drill.“

Nikolaus von Schnurbein (links) mit Gastgeber Stepan Seißler.

Teamarbeit ist das A und O gerade auf einem Segelschiff, ein Einzelner macht da gar nichts, so seine ganz pragmatische Erklärung. Von Schnurbein sieht in der Tatsache, auf einem Segelschiff wie die Gorch Fock gedient zu haben nichts Alltägliches. Es gäbe sicher nur wenige Menschen, die so etwas erlebt hätten. „Wir haben alle viel Handwerkliches gelernt, aber das meiste auch fürs Leben“, fügt Seißler hinzu. Das sei auch der Hauptgrund, warum die Marine ein solches Schiff überhaupt betreibt. Es werde der Gemeinschaftssinn und der Charakter eines Jeden geformt und gefördert fügt Schnurbein hinzu.

Detlef Oldenposl (links) und Marc Lindner waren Seemannskameraden auf der Gorch Fock.

Detlef Oldenposl, war mit einer sechsjährigen Dienstzeit auf dem Schiff, ein Altgefahrener. Auch er war Toppsgast in der Segelcrew. „Ja, wir haben gearbeitet und das nicht zu knapp. Die Segel werden ja alle per Handarbeit bewegt und man spürte manchmal nach der Wache seine Hände nicht mehr“, sagte der gebürtige Hamburger. Mit Marc Lindner hatte der älteste Mannschaftsdienstgrad an Bord Oldenposl wenig zu tun. Die unterschiedlichen Schichten ließen das nicht zu. Lindner: „Das erste was ich von ihm gehört habe, war „weg von der Back.“ Die Back ist der Esstisch und da hätte er als „Koffer“ noch nichts verloren gehabt.  Altgefahrene hätten eine Sonderstellung an Bord und das sei schon immer in der Marine so gewesen, sagte der heute 55-Jährige. Heute sei das hier in Herborn jedoch anders. „Wir sind ja nicht auf einem Gorch Fock Treffen, sondern auf einem Crew-Treffen.“

Für Detlef war und ist Kapitän Immo von Schurbein immer noch eine der wichtigsten Personen in seinem Leben. „Der Immo war nach meinem Opa und meinem Vater der drittbeste Kerl den ich je erlebt habe.“

Fregattenkapitän Thomas-Henry Louis war damals Oberleutnant zur See und für die Segelcrew verantwortlich. Er reiste zu dem Herborner Treffen eigens von seinem derzeitigen Dienstposten beim Marinekommando der Nato in London an. Der heute 59-jährige Offizier war 1992 während der Columbus-Regatta, dem Anlass für das Treffen nach 30 Jahren, einer von vier Segeloffiziere. Zugleich war Louis auch für die Ausbildung der jungen Kadetten verantwortlich.

Fregattenkapitän Thomas- Henry Louis

Die Segelcrew sei das „Butter und das Brot gewesen, die das Schiff am Laufen gehalten haben.“ Bei Schwerwetter seien natürlich auch die Kadetten im Einsatz gewesen, um die Segel zu bergen. Später, als Dienstältester Segeloffizier, hatte er jeden Samstag das zweifelhafte Vergnügen die Toppskontrolle am Großmast bis hoch in die schwindelerregende Mastspitze durchzuführen. „Ich muss jedoch anmerken, dass die Truppe, die sich jetzt hier befindet, mit ihrer Arbeit dafür gesorgt hat, dass alles toppi war.“

Die legendäre Kameradschaft der ehemaligen Gorch Fock Mannschaft 1992 macht nicht vor den Männern selber halt, sondern bindet auch deren Angehörige mit ein. Melanie Kraus erlebt dies immer wieder seit dem frühen Tod ihres Mannes Peter. Als der Vater von vier Kindern im Alter von 45 Jahren verstarb, unterstützten seine Kameraden sie in jeglicher Hinsicht. Er war der erste ihrer Gemeinschaft, den sie beerdigen mussten.

Melanie (Milly) Kraus vor einem Bild von der Gorch Fock

Seit damals hat sie mit ihrem neuen Lebensgefährten Christoph den Platz von Peter in der alten Kameradschaft eingenommen. Sie glaubt, dass die Seeleute eine positive Lebenseinstellung haben und Menschenfreunde sind. „Da wirst du keinen Rechten finden. Wer die Welt kennt, der mag sie mit all ihren unterschiedlichen Menschen und deshalb fühlen wir uns in diesem Kreis auch so wohl.“ Fotos: Gerdau

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