„Jede Schulstunde muss zugleich eine Deutschstunde sein“

Von Siegfried Gerdau

In einer Video-Pressekonferenz, an der neben dem Hessischen Kultusminister Professor Dr. Alexander Lorz (CDU), der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt Prof. Dr. Ronald Kaehlbrandt, Dr. Jörg F. Maas (Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen) und die Schulleiterin der Pestalozzi- Grundschule in Herborn- Schönbach, Herborn- Hörbach sowie der Neue Friedensschule in Merkenbach und Sinn Esther Ringsdorf- Zörb teilnahmen, ging es um das brandaktuelle Thema „Stärkung der Bildungssprache Deutsch“.

Videokonferenzen sind während der Corona-Pandemie „Salonfähig“ geworden.

In seinem Statement machte der Minister deutlich, dass ihm dieses Thema sehr wichtig sei und es eines der zentralen Maßnahmenpakete der Landesregierung wäre. „Es ist heute eben nicht mehr selbstverständlich, dass die Bildungssprache Deutsch ist und das trifft nicht selten auch auf Kinder zu, die keinen Migrationshintergrund haben.“ Es bestehe in der Kultusministerkonferenz große Einigkeit, dass dafür aktiv und Länderübergreifend etwas getan werden müsse, sagte Lorz. Deutsch müsse eben nicht nur in der originären Deutschstunde unterrichtet werden. „Jede Schulstunde muss zugleich auch eine Deutschstunde sein“, forderte er. Das Ziel sei, dass jedes Kind von der ersten Schulstunde mitreden können müsse. Wenn bei den einschlägigen Einschulungs-Tests hier sprachliche Defizite festgestellt würden, habe man noch ein Jahr Zeit, die entsprechenden Maßnahmen einzuleiten. Er nannte in diesem Zusammenhang verpflichtende Vorlaufkurse im kommenden Schuljahr, eine zusätzliche Deutschstunde in der 4. Jahrgangsstufe und die verbindliche Festlegung einer verbundenen Handschrift.

Der Maßnahmenkatalog des Ministers war prall gefüllt.

Die Handschrift von Kindern und Jugendlichen hat sich seit etwa drei Jahrzehnten dramatisch verschlechtert. Zu dieser Einschätzung kamen jedenfalls mehr als 2000 Lehrkräfte aus Grund- und Sekundarschulen, die 2015 zum Handschreiben vom Schreibmotorik Institut im Auftrag des Deutschen Lehrerverbands befragt wurden. Ende 2018 hat der Verband Bildung und Erziehung nochmals eine vergleichbare Umfrage von diesem Institut durchführen lassen, wiederum mit ähnlich besorgniserregenden Ergebnissen. Danach sind nur vier Prozent der befragten Lehrkräfte an Sekundarschulen mit der Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler zufrieden. Grundschullehrkräfte gaben an, dass „über ein Drittel der Kinder Probleme hat, eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu entwickeln“. An Sekundarschulen könnten „nur zwei von fünf Jugendlichen 30 Minuten und länger beschwerdefrei schreiben“. Lehrkräfte an weiterführenden Schulen sehen die größten Probleme in unleserlichen Schriften und im zu langsamen Schreiben, was Rechtschreibschwierigkeiten auslösen, aber auch die schulischen Leistungen generell beeinträchtigen könne. Drei Viertel der Lehrkräfte fordern deshalb ein spezielles motorisches Schreibtraining. Es fehle ihnen aber das nötige Wissen, ein förderndes Schreibtraining durchzuführen, denn in der Lehrerausbildung werde Handschreiben gar nicht mehr oder nur noch am Rande vermittelt. Wer Kindern später im Schuldienst die Technik des Schreibens nahebringen möchte, benötigt jedoch eine genaue Kenntnis des bewegungsrichtigen Schreibens einzelner Buchstaben und Buchstabenverbindungen sowie schreibmotorischer Fähigkeiten. Daher sollten die Didaktik und Praxis des Handschreibens in der Ausbildung für das Lehramt an Grundschulen wieder einen hohen Stellenwert bekommen. Quelle: Siegener Erklärung zur Schrift in der Schule.

Resultierend aus diesen Schwierigkeiten hat die hessische Landesregierung die Konsequenzen gezogen und mittels Auswahlverengung die verbindliche Festlegung einer vereinfachten Ausgangsschrift eingeführt. „Weniger Schnörkel sollen die Schrift flüssiger machen“, so der Minister. Dem für viele Menschen suspekten „Schreiben nach Gehör“ wird so ganz am Rande die Existenzberechtigung entzogen.   

Auch die in den vergangenen drei Jahrzehnten vernachlässigte Handschrift der Schüler soll eine Aufwertung erfahren.

Der Grundwortschatz wird auf 850 Worteinheiten festgelegt, die in der Grundschule verpflichtend geübt werden müssen und Schreibfehler werden bereits ab dem 2. Schulhalbjahr korrigiert. Der Minister nannte dies pädagogisch motivierte Fehlerkorrektur. Sehr deutlich machte er klar, dass das Korrigieren nicht mit dem Bewerten gleichzusetzen sei. Falsch sei also nicht gleich eine schlechte Note. Auch an den höheren Klassen, wie die 9/10 wird im übernächsten Jahr der Fehlerindex eingeführt.

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main warb sehr überzeugend für sein langjähriges Erfolgskonzept „Deutschsommer – Ferien, die schlau machen“. Der spielerische Umgang mit der Bildungssprache Deutsch bedeute für die Frankfurter Drittklässlerinnen und Drittklässler: Drei Wochen lang Ferien erleben, die schlau machen. „Die Kinder lernen nicht nur Deutsch und Theater spielen, sondern auch sich selbst und andere besser kennen. In Fach-, Selbst- und Sozialkompetenzen gestärkt, starten sie anschließend in das entscheidende vierte Schuljahr“, erklärte der Professor.

Die Lesekompetenz möchte das Kultusministerium ebenfalls massiv stärken. Im Vergleich mit anderen Ländern fehle es bei Kindern und Jugendlichen erheblich an der entsprechenden Motivation. Jedoch: Die Fähigkeit, Texte zu lesen und zu verstehen, beeinflusst alle Bereiche des Lebens und ist auch in der Schule wichtig und notwendig für das Lernen in allen Unterrichtsfächern.

100 Millionen Euro will Hessen in der kommenden Zeit für dies Stärkung der Bildungssprache ausgeben. Auch an eine entsprechende Aufstockung an Lehrkräften ist gedacht. Ebenfalls sollen diese entsprechend Aus- und Weitergebildet werden.

Reformen kosten, aber in der Bildung ist das Geld gut angelegt.

Dieses gesamte Maßnahmenpaket sei ein dickes Brett, sagte Dr. Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Er und sein Stiftungskollege Kaehlbrandt arbeiten eng mit dem Kultusministerium zusammen. Die Lesekompetenz schon im Klein-Kindesalter zu entwickeln, halte er für unabdingbar. Schule alleine könne das später nicht schaffen und hier seien die Eltern gefragt. Täglich eine halbe Stunde vorlesen könne so den Grundstock für die spätere Lesekompetenz liefern.

Deutsch in Wort und Schrift zu beherrschen, sei der Schlüssel für alles andere, sagte Schulleiterin Ester Ringsdorf-Zörb. „Ohne diese Kompetenzen versanden alle Talente“, fügte die Rektorin hinzu. So halte sie alle Maßnahmen, die geeignet seien Sprachkompetenzen zu stärken für gut und richtig. Wichtig seien jedoch einheitliche Regeln, zeigt sie sich überzeugt.

Auch zum Thema Korrektur vertrat sie nachdrücklich ihren Standpunkt. „Das ist nichts Schlimmes. So würde ein Gitarrenlehrer nie auf die Idee kommen, falsche Anschläge seiner Schüler unkorrigiert zu lassen“, fügte sie hinzu. „Wenn ich auch nur ein Kind wegen seiner Deutsch-Defizite zurückstellen muss, tut mir das sehr leid.“ All diese eingeleiteten Maßnahmen verpflichtend zu machen sei richtig. Sie helfen dem Kind und Jugendlichen gut durch die Schule zu kommen. Sehr authentisch und realitätsnah sprach Ester Ringsdorf-Zörb im Anschluss über ihre nachhaltigen Erfahrungen aus dem Schulalltag.

Die Frage eines der anwesenden Pressevertreter nach der Ursache mangelnder Motivation bei Jugendlichen in Punkto Lesefleiß beantwortete Jörg Maas wie folgt: „Entscheidend sind die ersten sechs Lebensjahre. Diese entscheiden über den weiteren Verlauf und das spätere Leseinteresse des Kindes. Das können Eltern sehr stark durch Vorlesen beeinflussen“. Natürlich könne da später ein Motivationsknick aus den unterschiedlichsten Gründen eintreten, fügte er hinzu, aber die einmal geschaffene Basis sei Gold Wert. Die Pressekonferenz wurde von Michael Ashelm, Pressesprecher des Hessischen Kultusministerium geleitet. Fotos: Gerdau

Ein Gedanke zu „„Jede Schulstunde muss zugleich eine Deutschstunde sein“

  • 25. Juni 2021 um 23:18
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    Was da vom Kultusministerium postuliert wurde macht mich fassungslos.
    Das Ganze ist wissenschaftlich unhaltbar. Da fehlt nur noch das Postulat, Linkshänder auf die „schöne Hand“ umzuerziehen, weil deren Schrift nicht so gut lesbar ist.
    Sorry, aber wer diesen Scheiß unterschreibt oder unterstützt, hat entweder keine Ahnung von der Materie oder Karriereambitionen.

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