Meinung

Von Siegfried Gerdau

Jedem, der nach hartem Vorgehen gegen den russischen Aggressor ruft, sollte bewusst sein, dass er damit auch die entsprechende Gegenreaktion auslöst. Die Doktrin der russischen Armee hat sich in der Frage nach dem Einsatz von Atomwaffen seit der Sowjetarmee nicht geändert. Während die NATO auf den Einsatz von gegnerische Atomwaffen reagiert,  sieht die Armee der Russischen Föderation den Ersteinsatz ihrer taktischen Atomwaffen durchaus als probates Mittel, um eine Wende zu ihren Gunsten herbeizuführen. Das heißt im Klartext: Wenn Putin militärisch oder vielleicht auch wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand steht, kann es sein, dass er Atombomben und Atomraketen einsetzt. Wenn er dabei vielleicht auch die Schwelle der taktischen Waffen nicht verlässt, dann reden wir von „ein paar“ einstelligen Kilotonnen (KT) herkömmlichen Sprengstoffs. Hiroshima wurde mit einer 20 KT-Bombe platt gemacht. Die Radioaktivität einmal völlig außen vor gelassen. Man muss sich einem Diktator/Aggressor nicht beugen, aber bei aller Kriegshysterie und militärischer Aufbruchsstimmung sollte man all dies bedenken. Der 1. Weltkrieg begann mit fröhlichen Kriegsgesängen und ganz Deutschland war heiß darauf, es den Großmächten zu zeigen. Vier Jahre später kam das böse Erwachen. Nur kaum mehr als 20 Jahre später ließen sich die Massen, ohne weiter darüber nachzudenken, von dem grausamen Diktator Hitler in den zweiten Weltkrieg treiben. Als der Käse fast gegessen  und Millionen Menschen schon getötet waren, wollten die bis dahin Überlebenden, immer noch den totalen Krieg. Das war 1944. Was für ein Wahnsinn.

Jetzt schreiben wir 2022. Niemand von uns hat es für möglich gehalten, dass in einer angeblich zivilisierten Welt sich Menschen wieder einmal massenweise gegenseitig umbringen. Wir alle und auch ich, haben uns getäuscht. Wie jedoch der Einsatz von atomaren Kampfmitteln aussieht, können sich nur die Wenigsten unter uns vorstellen. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ist dagegen auf jeden Fall ein Nichts.

Einstein sagte einmal: „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ 

Eben las ich nachfolgenden Artikel von Florian Harms dazu, den ich gerne hier in meinem Blog teile.

„Solche Einschätzungen hört man jetzt: Das Risiko eines russischen Atomangriffs wächst mit jeder Minute. Sei es eine begrenzte Attacke mit einem taktischen Sprengkopf in der Ukraine, der Hunderte oder gar Tausende Opfer fordern könnte – oder das Armageddon eines Schlags mit strategischen Atomwaffen gegen Westeuropa: Ausgeschlossen ist nichts mehr. Und nein, wenn ich diesen Satz schreibe, ist das keine Panikmache und auch keine Klickschinderei. Es ist eine Wiedergabe der nüchternen Realität, wie sie auch Politiker sehen.

Umso größer ist das Erstaunen über all die Bescheidwisser, die nun in Talkshows und vor Mikrofonen zur maximalen Eskalation blasen. Manchen Grünen erkennt man ja kaum wieder: früher Sonnenblume, heute Stahlhelm. Mancher würde offenbar am liebsten sämtliches Militärgerät der Bundeswehr nach Kiew verfrachten, ungeachtet dessen, dass die Ukrainer moderne Panzer wie den „Leopard“ oder den „Marder“ wohl gar nicht bedienen können und dass Deutschland dann womöglich auch nicht mehr genug Material zur eigenen Landesverteidigung hätte. Schon jetzt kann die kleingesparte Bundeswehr die Nato-Anforderung, einem Angriff mindestens zwölf Tage lang standzuhalten, nicht erfüllen.

Unter Druck tun Menschen die übelsten Dinge, und besonders üble Menschen tun besonders üble Dinge. Deshalb führt der einzige Ausweg aus dem Drama in der Ukraine über eine Kombination aus Härte und Zugeständnissen: Putins Armee muss aufgehalten und weiter geschwächt werden, wofür es westliche Waffenhilfe braucht – aber nicht wahllos, sondern effektiv. Die Amerikaner haben das verstanden, sie kaufen weltweit russische Munition auf, um sie den Ukrainern für deren Panzer, Kanonen und Gewehre aus russischer Produktion zu geben.

Zugleich sollten die Regierungschefs in Washington, Berlin und Paris dem russischen Kriegsfürsten einen gesichtswahrenden Rückzug ermöglichen. Vielleicht sogar einen, den er „Sieg“ nennen kann, um sich von seinen Propagandasendern feiern zu lassen und seinem geschundenen Volk einen Triumph über den bornierten Westen vorzugaukeln.“  Florian Harms, Chefredakteur t-online 29.04.2022

t-online

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