Streetwork in Herborn-ein Erfolgsmodell

Von Siegfried Gerdau

Mobile Jugendarbeit, besser als Streetwork bekannt, ist in größeren Städten bereits seit den 1970er-Jahren ein fester Bestandteil des sozialen Engagements von Behörden und Nichtregierungs-Organisationen (NGO). Auch in Herborn sind seit 2019 Streetworker unterwegs. Als man im Herborner Rathaus darüber nachdachte, kompetente Ansprechpartner für die Szene am Herborner Bahnhof einzustellen, kam der Rat vom Dillenburger Jugendamt, die Gesellschaft für Erziehungshilfe und Beratung mbH (GEB) zu kontaktieren. Die GEB-Niederlassung Team Süd in Dillenburg schickte Dennis Moos (44) und seinen 51-jährigen Kollegen Andreas Hammel. Mittlerweile sind sie keine Unbekannten in Herborn mehr. „Apropos, Streetworker, diesen Begriff verwenden wir offiziell nicht“, erklärt Andreas. Wir stellen uns als „Mobile Jugendarbeiter“ vor. Dieser Begriff mache ihren Aufgabenbereich deutlicher. Acht Stunden in der Woche sind die beiden scheinbar so ungleichen Männer auf Herborns Straßen unterwegs. Im Laufe der Zeit wuchsen sie zu einem nahezu untrennbaren Team zusammen. Die Sozialpädagogische Familienhilfe ist ihr Haupt-Tätigkeitsbereich, „aber die Arbeit mit den Jugendlichen, die sich der „normalen“ Jugendarbeit entziehen, ist eine ganz besondere Herausforderung“, sagt Andy, der auch Bereichsleiter für sozialpädagogisch-betreutes Wohnen ist.

Herborner Streetworker Dennis Moos (links) und Andreas Hammel im Stadtpark.

Finanziert wird das Projekt vom Lahn-Dill-Kreis und der Stadt Herborn. Den größten Teil trägt jedoch die Rittal-Foundation. Die Laufzeit beträgt bis jetzt jeweils ein Jahr, aber es seien Überlegungen im Gange, auch Dillenburg und Haiger in die Arbeit der Streetworker einzubeziehen. Dadurch werde sich auch die Finanzierung ändern, Herborn als Teilfinanzier herausfallen und die mobile Jugendarbeit als Dauereinrichtung laufen. Der LDK habe die entsprechenden Mittel durch die „Corona-Aufholhilfe“ und Herborn würde entlastet. Für die beiden Herborner Streetworker wäre dieser „Umbau“ folgerichtig. Die Szene verlagere sich Zusehens an den Dillenburger Bahnhof und es sei wichtig, dass auch dort fachlich versierte Ansprechpartner Präsenz zeigen, meint Dennis Moos.

Die „Rückenstärker“ wurden die erfahrenen Sozialarbeiter in einem Artikel der Ausgabe Nr.1/2021 des Friedhelm Loh Mitarbeiter-Magazin „Rundblicks“ genannt. Damit hat der Verfasser den Punkt ihrer Arbeit voll getroffen. Sie sind jede Woche am Bahnhof, sprechen mit den jungen Menschen und hören vor allem zu. Sie bieten Hilfe bei schulischen Problemen, vermitteln bei familiären Problemen, helfen Plätze zur Ausbildung und in Wohngruppen zu finden. Wichtig sei jedoch, dass sie sich nie aufdrängen. Idealerweise werden sie von ihrem „Klientel“ angesprochen und können dann entscheiden in welcher Form ihre Unterstützung sinnvoll ist.

Hotspot und Abhängplatz zugleich

Warum diese Jugendlichen sich ausgerechnet immer und überall die Bahnhöfe als „Abhängplätze“ aussuchen, können Moos und Hammel auch nicht beantworten. Sicher werde dort auch meist Alkohol und Marihuana konsumiert. Harte Drogen wie Kokain, Crack oder Speed sei wohl in Herborn eher kein Thema. „Das würden wir merken“, glaubt Andy und sein Kollege nickt zur Bestätigung. Dass Bahnreisende dennoch ein ungutes Gefühl beim Betreten der Bahnanlagen haben, ist für sie nachvollziehbar. Auch die Bahnunterführung sei nicht gerade einladend. Ob jedoch eine höhere Präsenz der Ordnungshüter der richtige Weg sei, könne man nicht sagen. Fest stehe auf jeden Fall, dass sich dann die Szene unkontrolliert verlagere.

Wenig einladend präsentiert sich der Bahnsteig in Herborn, der auch Arbeitsplatz der Streetworker ist.

Ihr Klientel hat die beiden Sozialarbeiter schon lange akzeptiert. „Ah schau, da kommen die Streetworker“, ist die gängige Begrüßung am Bahnhof und in der Umgebung. Freundlich und immer bereit zu einem guten Gespräch, haben sie sich ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft und besonders bei denen, die sich an deren Rand bewegen, erobert. Dennis und Andy sind einfach da und hören zu. Vom Oberlehrer und Besserwisser sind sie Lichtjahre entfernt. Wer jedoch einen guten Rat haben möchte, ist bei dem Dillbrechter Dennis und dem Netphener Andy genau an der richtigen Adresse.

Die Jugendlichen vertrauen darauf, dass sie von „ihren“ Streetworkern nicht verpfiffen werden. „Dafür haben wir eine Schweigepflicht. Anders ist unsere Arbeit nicht zu machen“, sagt Andreas Hammel. Es gebe nur Ausnahmen, wie das Bekanntwerden von Gewaltverbrechen, sagt sein Kollege. Da erstatten wir sofort Anzeige, aber das wissen die Kids auch. Dass der Herborner Bahnhof und seine weitere Umgebung besonders in den Abendstunden und nachts kein idyllischer Ort ist, an dem sich Bürger und Bürgerinnen gerne aufhalten, ist eine unleugbare Tatsache. Daran können auch die besten Streetworker nichts ändern. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Die ist hingegen Kontaktaufbau und Beziehungsarbeit. Vertrauen und verlässliche Beziehungsstrukturen zwischen Klienten und Streetworkern sind wichtig, damit später Hilfsangebote überhaupt angenommen werden. Die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Herborner Haus der Jugend und mit dessen Leiter Claudio Brütting sei für ihre Arbeit unerlässlich, sagte Hammel. Das gelte aber genauso für die wertvolle Unterstützung durch Herborns Bürgermeisterin Katja Gronau (parteilos). Sie habe immer ein offenes Ohr für ihre Anliegen und sei zu jeder Zeit persönlich erreichbar.

Dennis Moos und Andreas Hammel brennen für ihre Arbeit und wenn man sich mit ihnen unterhält, spürt man, dass sie nicht nur einen Job machen, sondern ihn auch leben.  Fotos: Gerdau

Ein Gedanke zu „Streetwork in Herborn-ein Erfolgsmodell

  • 30. März 2022 um 18:50
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    Ein dickes Dankeschön an die beiden – von Anfang an ein Super Job – mit viel Herz!!!

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