Was haben Steckrüben mit dem Gießereisterben zu tun?

Von Siegfried Gerdau

Das Gießereisterben in Deutschland geht weiter. Ein Blick ins Internet genügt, um die Zahl der schließenden Betriebe addieren zu können. Die verbleibenden bauen Personal ab und versuchen so die Kurve zu kriegen. Nicht nur Corona macht den Unternehmen zu schaffen. Die immer höher steigenden Energie-, sprich Stromkosten sind schon lange ein Faktor, der ihnen schwer zusetzt. Was bereits 2019 ein Thema war, wird jetzt zusätzlich durch die Pandemie, mit all ihren direkten und indirekten Nebenwirkungen, befeuert.

Heute Mittag besuchte ich die einzige Herborner Gießerei. Sozusagen im letzten Moment. Sie wird es schon in ein paar Tagen nicht mehr geben. Deren Kerngeschäft, der Aluminium-Guss, ist nicht mehr gefragt und die Auftragslage tendierte gegen Null.

Neben dem Maschinenbau, der schon seit dem vergangenen Jahr immer größere Auftragseinbrüche hinnehmen muss, ist vor allem auch die deutsche Autoindustrie in einer mehr oder weniger hausgemachten Krise. Die „Schlüsselindustrie“ wie sie gerne genannt wird, steht vor ihrer gewaltigsten Umstellung und ob diese gelingt, steht in den Sternen. Mehr als 800.000 Beschäftigte arbeiten hier, direkt und indirekt hängen geschätzt zwei Millionen Menschen vom Wohl und Wehe dieses wichtigsten Wirtschaftszweigs ab. Alle Autohersteller streichen Stellen, bis zu 31 Prozent der Metallbeschäftigten sind in Kurzarbeit.

Den Wasserdampf aus Kühltürmen wie hier bei den Braunkohlekraftwerken der Lausitz wird man schon bald nur noch aus französischen, belgischen, polnischen oder anderen Atomkraftwerken entlang oder in der Nähe der bundesdeutschen Grenzen sehen. Foto: Gerdau

Für die Energiewirtschaft gibt es bisher noch kein ausgereiftes Konzept. Atom- und Braunkohlekraftwerke wurden und werden geschlossen, Wind und Sonne reichen nicht, um die Stromverbrauchspitzen abzudecken. Deutschland kauft deshalb für bestimmte Zeiten Strom zum Beispiel aus französischen Atomkraftwerken. Andererseits suchen die Energieerzeuger händeringend Abnehmer für Stromüberkapazitäten in Zeiten, wenn der Wind kräftig bläst, die Sonne stundenlag vom blauen Himmel scheint, aber in Deutschland keiner diesen Strom braucht, weil gerade Sonntag und Sommer ist. Für diesen überschüssigen Strom zahlen nicht die Käufer, sondern im Gegenteil. Sie lassen sich bis zu einem Euro pro Kilowattstunde dafür geben, dass sie ihn überhaupt abnehmen. Dem deutschen Verbraucher, der die höchsten Stromkosten europaweit bezahlt, wird im kommenden Jahr wieder einmal mehr in die Tasche gegriffen. Natürlich wird auch die Treibstoffsteuer noch einmal kräftig angehoben. Das stecken die kurzarbeitenden oder freigestellten Steuerzahler locker weg, sie sparen ja so viel Geld, weil sie wegen Corona keins mehr ausgeben können. Alles für die Umwelt, sagen uns die Weltverbesserer und alle Länder auf unserem Globus werden schon bald mitmachen, so glauben sie ganz fest. „Am deutschen Wesen soll schließlich die Welt genesen“, sagte Kaiser Wilhelm II. Aber davon hatten damals seine Untertanen auch nicht viel, denn der I. Weltkrieg zwang sie zum Steckrübenessen. Das war ja dann wenigstens vegetarisch und soll sehr gesund sein. Mein Großvater wollte aber nie mehr Steckrüben essen und ich möchte es gar nicht erst versuchen.

Die Politik wurschtelt vor sich hin, träumt von alternativen Antrieben, Null-CO2-Zielen und sauberer Gendersprache. Die ehemaligen Schwellenländer, allen voran die Chinesen, lachen sich ins Fäustchen. Längst haben sie bei den meisten Konsumgütern das Produktionsmonopol. Sacken so ganz nebenbei über 800 Millionen Entwicklungshilfe jährlich von Deutschland ein und schaffen gemeinsam mit Russland eine Freihandelszone. Deutsche Politiker freuen sich über den neuen US-Präsidenten und hoffen, dass er sie die Gaspipeline durch die Ostsee weiter bauen lässt und der Kanzlerin nicht die kalte Schulter zeigt, wie sein ungeliebter Vorgänger.

Wie komme ich jetzt auf das alles. Ach ja, dass Gießereisterben in Deutschland. Bis zum 31.Dezember 2020 haben kränkelnde Unternehmen ja noch Schonzeit und dürfen straflos die drohende Insolvenz bis dahin verschleppen. Mit dem ersten Böller im neuen Jahr müssen die Hosen heruntergelassen werden. Dann sind es nicht mehr nur die Gastronomen, denen das Licht abgedreht wird. Die Politik beschäftigt sich parallel dazu mit der Frage der Impfprioritäten. Keine Frage, ein sehr wichtiges Thema. Andererseits, wenn wir alle im Homeoffice sitzen, tendiert das Ansteckungsrisiko gegen Null. Wer will sich denn dann noch impfen lassen?

Im kommenden Jahr haben wir alle die Wahl. Briefwahl, so wie es aussieht. Corona wird so wenig vorbei sein, wie die Wirtschaftsflaute. Ich kann es mir einfach nicht anders vorstellen. Wir haben die Wahl, die zu wählen, die es können. Keine Traumtänzer und Neusozialisten. Keine Ewiggestrigen oder Nazi-Spinner. Wir sollten Realisten wählen, die ihr Handwerk gelernt haben und sich im Berufsleben davon ernähren mussten. Wir sollten Sprücheklopfern und Heilsbringern eine Absage erteilen. Wir müssen alle an die Wahlurnen gehen, auf dass die Gießereien und alle anderen Wirtschaftszweige wieder schwarze Zahlen schreiben, denn davon leben auch die, die gegen alles sind. Wir brauchen Politiker, die mehr können als Schulden machen. Wir brauchen Parteien, die wieder eigenständige Politik machen. Davon lebt unsere Demokratie und die wollen wir niemals aufgeben.

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