Wer rettet die Corvin’sche Druckerei

Von Siegfried Gerdau

In der Annahme, dass die Renovierung an der Corvin‘schen Druckerei (in Herborn unterhalb der evangelischen Kirche) begonnen hat, habe ich mich wieder einmal dort umgesehen. Wie groß war meine Enttäuschung, als ich feststellen musste, dass das geschichtsträchtige Kleinod in einem schlimmeren Zustand als noch im vergangenen Jahr ist. Herborns zweites bedeutendes kulturelles Aushängeschild ist in der Liste der Kulturdenkmäler in Herborn unter der Nummer 133060 gelistet und steht somit unter dem Schutz des Landesamtes für Denkmalpflege. In der Beschreibung des Anwesens ist zu lesen:  

Kleinod in Not. Die Corvin’sche Druckerei ist in einem bedauernswerten Zustand.

Eine heute dreiseitig geschlossene Hofanlage, die von Fachwerkbauten gebildet wird. Das Vorderhaus noch aus dem 16. Jahrhundert mit achteckigem, inschriftlich 1606 datiertem Treppenturm. Die Baugruppe wird rückwärtig von der Stadtmauer mit der vermauerten? Steinernen Pforte“ abgeschlossen. Der Name des Hofes bezieht sich auf den Züricher Buchdrucker Christoph Corvin, der 1591 den ursprünglichen Besitz der Herren von Mudersbach erwarb. Der gesamte Hof, einschließlich der angrenzenden Stadtmauer, ist Kulturdenkmal nicht zuletzt wegen seiner geschichtlichen Bedeutung.

Touristen aus vielen Ländern kommen zu dem Ort, an dem unter anderem die „Piscator Bibel“ gedruckt wurde. Diese Bibelübersetzung von dem Theologieprofessor Johannes Piscator aus den Jahren 1602 bis 1604, wurde in Herborn gedruckt und bis 1652 genutzt. Sie war die erste in Deutschland gedruckte reformierte Bibel. Weitere Ausgaben fanden später in Deutschland Verwendung. In den Niederlanden und auch in Nordamerika prägte die Piscator-Bibel das kirchliche Leben entscheidend. Vor allem deren Einsatz im Kanton Bern als offizielle Staatsbibel von 1684 bis Ende des 18. Jahrhunderts, macht die Bedeutung dieser Bibelübersetzung aus.

Heute ist von alldem nichts mehr zu sehen. Lediglich die Gebäude sind Zeugnis einer Epoche, von der Herborn heute noch zehrt. Deren Ist-Zustand steht jedoch zu ihrem geschichtlichen und vor allem kulturellen Wert in krassem Gegensatz. An allen Ecken und Kanten ist der Putz in den Gefachen abgefallen und auch die Fachwerkbalken sind stellenweise angegriffen. Der einst so schöne Garten bis hin zum Stadtmauerturm liegt brach. Was hätte man alles aus dem wunderschönen Ensemble machen können, um es ohne Scham Interessierten zu präsentieren. Vom Hotel-Restaurant mit Gartenbewirtschaftung bis hin zum Museum, wäre alles denkbar. Auch Matineen und die unterschiedlichsten Open Air-Events sind gut vorstellbar.  Schade drum, ein wertvolles Stück Herborn verkommt immer mehr und irgendwann bleibt nur noch der Abriss.

Diese Bildergalerie spricht eine ganz eigene Sprache und entbehrt jeglichen Kommentar.

Fotos: Gerdau

8 Gedanken zu „Wer rettet die Corvin’sche Druckerei

  • 8. März 2021 um 20:42
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    Danke Siggi das du dieses Thema mal wieder aufgreifst 👍.

    da ich auch die letzten Jahrzehnte
    Den Werdegang dieses einmaligen Objektes verfolgt habe, Bin ich davon überzeugt dass nur die öffentliche Hand dieses herausragende Denkmal retten kann.

    Antwort
  • 8. März 2021 um 22:15
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    Es schmerzt tatsächlich unfassbar, dem Verfall dieses Gebäudes zusehen zu müssen.
    „Denkmal in Not“, wo ist dieser Slogan in Herborn zutreffender als hier.

    Antwort
  • 9. März 2021 um 15:47
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    Wer ist denn für die Pflege und den Erhalt zuständig?
    Wer weiß das?

    Antwort
  • 9. März 2021 um 17:32
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    Auch mir tut es in der Seele weh zu sehen, wie dieses Denkmal verkommt.
    Als Stadtführer erzähle ich immer von diesem Schmuckstück und muss mich ein bisschen dabei schämen, dass unsere Stadt es zugelassen hat, dass, wie ich gehört habe, sie es einem Investor überlassen hat, der nur seine eigenen Profitinteressen befriedigt hat und an dem Objekt selber Null Interesse hat. Ob es zur 800jährigen Feier der Stadtrechte noch steht?
    Ronald Lommel

    Antwort
  • 10. März 2021 um 10:37
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    Siggi,
    warum schickst Du die Bilder nicht an das Landesamt, um wenigstens zu erfahren, welche Auflagen der Eigentümer zu erfüllen hat. ?
    Auch wäre der Vertragstext mit der Stadt interessant.
    Klaus Jung

    Antwort
  • Pingback: Corvinsche Druckerei – Wir für Herborn

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