Von Christian Heun
Ich sitze still.
Nicht, weil ich Ruhe habe.
Sondern weil mein Kopf lauter ist als jeder Raum.
Es ist dieser eine Gedanke, der sich nicht ankündigt.
Er kommt nicht dramatisch.
Er kommt sachlich.
Irgendwann bin ich nicht mehr da.
Kein Bild.
Kein Licht.
Kein Übergang.
Nur: Ende.
Und genau das ist das Unheimliche.
Nicht der Tod als Ereignis –
sondern das Verschwinden als Zustand.
Ich habe Maschinen verstanden.
Prozesse.
Kunststoffe, Parameter, Temperaturen, Toleranzen.
Ich habe gelernt, dass alles eine Ursache hat.
Dass jede Abweichung erklärbar ist, wenn man nur genau genug hinsieht.
Aber für das eigene Nicht-Mehr-Sein gibt es keine Kennlinie.
Ich kann mir mein Leben vorstellen.
Ich kann mir mein Alter vorstellen.
Ich kann mir Krankheit vorstellen.
Ich kann mir sogar meinen letzten Tag vorstellen.
Aber nicht den Zustand danach.
Nicht zu denken.
Nicht zu fühlen.
Nicht zu erinnern.
Nicht mehr ich zu sein.
Das ist kein Schrecken wie in Filmen.
Es ist viel stiller.
Viel nüchterner.
Es ist die nüchterne Erkenntnis:
Alles, was ich bin, ist an dieses eine Bewusstsein gebunden.
Und dieses Bewusstsein ist nicht garantiert.

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Manchmal kommt der Gedanke nicht aus mir selbst.
Er kommt über Adriano.
Ich sehe ihn nicht einmal konkret vor mir.
Ich höre kein Lachen.
Ich sehe kein Gesicht.
Ich sehe nur die Linie der Zeit.
Und auf dieser Linie ist ein Punkt, an dem ich nicht mehr vorkomme.
Nicht, weil ich ihn verlassen will.
Sondern weil mein Dasein irgendwann endet.
Ich werde nicht mehr sehen, wie er älter wird.
Nicht wissen, was aus ihm geworden ist.
Nicht erleben, wie seine Stimme sich verändert.
Nicht hören, wie er über sein Leben spricht.
Nicht, weil ich gleichgültig wäre.
Sondern weil Gleichgültigkeit nach dem Tod keine Option ist –
sondern der einzige mögliche Zustand.
Diese Vorstellung trifft mich härter als jede Angst vor Schmerz.
Ich habe keine besondere Angst vor dem Sterben.
Vor dem Prozess.
Ich habe Angst vor dem Abbruch meiner Beziehung zur Welt.
Vor dem vollständigen Verlust aller Verbindungen.
Zu ihm.
Zu den Menschen, die ich liebe.
Zu den Gedanken, die mich heute noch beschäftigen.
Zu dem, was ich über mich gelernt habe.
Ich habe Angst davor, dass mein Platz in der Welt nicht nur neu besetzt wird –
sondern vergessen.
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Und dann kommt diese andere, unbequeme Frage.
Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens?
Nicht im großen, philosophischen, gut klingenden Sinn.
Nicht „Spuren hinterlassen“.
Nicht „etwas bewegen“.
Nicht „anderen helfen“.
Sondern brutal konkret:
Was rechtfertigt all diese Jahre?
Ich habe gearbeitet.
Ich habe Verantwortung getragen.
Ich habe Entscheidungen getroffen, die nicht leicht waren.
Ich habe Dinge ausgehalten, über die ich selten spreche.
Ich habe mein Leben strukturiert.
Ich habe Ordnung geschaffen.
Ich habe mich verbessert.
Ich habe analysiert, optimiert, stabilisiert.
So wie man es lernt, wenn man in Prozessen denkt.
Aber irgendwann stellt sich die Frage, die kein Audit stellt:
War das Leben nur ein sauber geführter Ablauf –
oder war es ein bewusst gelebtes Dasein?
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Ich merke, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, nützlich zu sein.
Verlässlich.
Sachlich.
Belastbar.
Ich weiß, was von mir erwartet wird.
Ich weiß, wie man Probleme löst.
Ich weiß, wie man ruhig bleibt.
Ich weiß, wie man Verantwortung trägt, ohne darüber zu klagen.
Aber ich weiß nicht, wie man sich auf das eigene Ende vorbereitet.
Nicht organisatorisch.
Nicht rechtlich.
Innerlich.
Denn da hilft kein Plan.
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Es gibt einen Moment, der mich immer wieder trifft.
Er ist klein.
Ich sitze irgendwo – egal wo –
und plötzlich denke ich:
Das hier ist gerade mein Leben.
Nicht mein Job.
Nicht mein Projekt.
Nicht mein Ziel.
Dieses hier.
Dieser Moment.
Dieses Sitzen.
Dieses Atmen.
Und gleichzeitig weiß ich:
Dieser Moment wird nie wiederkommen.
Nicht einmal in meiner eigenen Erinnerung in dieser Form.
Er ist nur jetzt real.
Und genau deshalb fühlt er sich plötzlich kostbar an.
Nicht romantisch.
Nicht verklärt.
Kostbar, weil er begrenzt ist.
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Ich habe oft geglaubt, dass Sinn etwas ist, das man findet.
So wie eine Lösung.
So wie einen Fehler in einer Prozesskette.
Man sucht lange genug –
und irgendwann liegt er offen vor einem.
Heute glaube ich etwas Unbequemeres:
Sinn ist nichts, was entdeckt wird.
Sinn ist etwas, das man aushält.
Aushält in der Unsicherheit.
In der Endlichkeit.
In der Tatsache, dass es keine objektive Begründung dafür gibt, warum gerade ich existiere –
und andere nicht.
Warum ich Adriano sehen darf –
und irgendwann nicht mehr.
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Manchmal frage ich mich, ob meine Angst vor dem Tod wirklich Angst vor dem Tod ist.
Oder ob sie Angst davor ist,
dass mein Leben rückblickend zu leise war.
Zu funktional.
Zu korrekt.
Zu sehr angepasst an Erwartungen.
Nicht falsch.
Aber vielleicht zu wenig mutig.
Ich habe selten radikal gelebt.
Ich habe selten Dinge getan, die nicht zumindest innerlich geprüft, kalkuliert, bewertet waren.
Ich habe mein Leben wie einen Prozess geführt.
Stabil.
Aber war es lebendig?
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Und dann kommt wieder Adriano in meinen Gedanken.
Nicht als Symbol.
Nicht als Projekt Zukunft.
Sondern als stiller Beweis, dass meine Existenz nicht nur mir gehört.
Dass es Menschen gibt, für die mein Dasein mehr ist als ein Name.
Vielleicht ist das der erste ehrliche Ansatz von Sinn:
Nicht, dass mein Leben bedeutend ist.
Sondern dass es für jemanden bedeutungsvoll ist.
Und vielleicht ist das der Unterschied.
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Ich weiß nicht, ob ich an etwas glaube, das nach dem Tod kommt.
Ich habe keinen festen Glauben, der mich beruhigt.
Kein klares Bild.
Kein Versprechen.
Aber ich merke, dass meine Angst leiser wird, wenn ich mir eine andere Frage stelle:
Nicht
Was kommt nach mir?
Sondern
Was bin ich gewesen, während ich da war?
Nicht im Lebenslauf.
Nicht im beruflichen Werdegang.
Nicht in Erfolgen.
Sondern in der Art, wie ich Menschen begegnet bin.
Wie ich zugehört habe.
Wie ich Verantwortung getragen habe.
Wie ich mit meiner eigenen Unsicherheit umgegangen bin.
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Vielleicht ist das die härteste Erkenntnis:
Der Sinn meines Lebens wird nicht von mir selbst beurteilt.
Er entsteht in den stillen Wirkungen, die ich gar nicht kontrollieren kann.
In Gesprächen, an die ich mich später nicht mehr erinnere.
In Momenten, die für mich klein waren –
und für andere groß.
In der Tatsache, dass Adriano eines Tages vielleicht nicht weiß, wie oft ich an ihn gedacht habe –
aber vielleicht spürt, dass er nie gleichgültig war.
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Und trotzdem bleibt sie.
Diese nackte Angst:
Eines Tages werde ich diese Gedanken nicht mehr denken können.
Ich werde mich nicht mehr fragen können, was mein Leben bedeutet hat.
Ich werde mich nicht mehr sorgen können.
Und genau das ist der eigentliche Bruch:
Dass Bewusstsein nicht nur Leid erzeugt –
sondern überhaupt erst Bedeutung.
Ohne Bewusstsein kein Sinn.
Ohne Bewusstsein keine Angst.
Aber auch keine Liebe.
Kein Staunen.
Kein inneres Wachstum.
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Vielleicht ist das Paradoxon meines Lebens:
Ich habe Angst vor dem Ende meines Bewusstseins –
und vergesse manchmal, wie außergewöhnlich es ist, es überhaupt zu haben.
Jetzt.
Gerade jetzt.
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Wenn ich ehrlich bin, dann suche ich keinen Trost.
Ich suche eine Haltung.
Eine Haltung zur Endlichkeit.
Und vielleicht ist diese Haltung nüchterner, als ich lange wollte:
Ich werde sterben.
Und ich werde nicht wissen, dass ich gestorben bin.
Aber ich weiß, dass ich jetzt da bin.
Und ich weiß, dass ich jetzt Verantwortung für die Tiefe meines eigenen Lebens trage.
Nicht für seine Länge.
Nicht für seine Spuren.
Für seine Wahrhaftigkeit.
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Und vielleicht – nur vielleicht –
ist der Sinn meines Lebens nicht, eine Antwort auf den Tod zu finden.
Sondern den Mut zu haben,
mein Leben so zu führen,
dass die Frage nach dem Sinn mich nicht lähmt –
sondern schärft.
Für meine Zeit.
Für meine Beziehungen.
Für Adriano.
Für das bewusste, endliche, unersetzliche Jetzt.