Von Siegfried Gerdau
Lebertran löffelweise war das Mittel der Wahl, um uns Kinder in einen halbwegs vernünftigen Gesundheitszustand zu versetzen. Ob es stimmte, wer weiß. Geschmeckt hat es auf jeden Fall grauenhaft. Wer größere Geschwister hatte, brauchte sich um die passenden(?) Schuhe keine Gedanken zu machen. Die Großen wuchsen aus ihren ausgelatschten Tretern raus und wir profitierten davon.
Die 1950er Jahre waren in der verklärten Betrachtung einfach wunderbar. Die Welt schien geregelt die Schule ging nur bis mittags, dafür war auch samstags Unterricht. Sonntags ging es für die meisten von uns zum Kindergottesdienst und so kam auch auf pädagogischem Gebiet niemand zu kurz. Es gab kein Fernsehen, keine Playstation, Handys waren Gegenstände in Science-Fiction. Lediglich das alte Röhrenradio mit dem magischen Auge, stand bei den meisten im „Guten Zimmer“.

Vater hörte dort sonntags das Sonntagmorgenkonzert, mit dem wir schon als Kinder nicht viel anfangen konnten. Dass „Mensch-ärger-dich-nicht“, das zu Weihnachten unter dem- meist requirierten- Christbaum lag, half kaum die Langeweile der Sonntage zu überbrücken. Man sehnte sich nach dem freien Leben an den Wochentagen. Nach den von Mutters Drohungen begleiteten Hausaufgaben, ging es raus in den Wald.
Es wurden Straßen gebaut, mit den Steckenpferden um die Wette geritten oder Cowboy und Indianer gespielt. Manchmal träumte man hoch oben im „Fliegerbaum“ von einem Flug um die Welt. Da das Mittagessen, die oft servierte Weißkrautmischung natürlich ohne Fleisch, schon verdaut war, trieb der Hunger uns irgendwann nach Hause. Der Einbruch der Dunkelheit war die höchste Zeit, aber man musste nicht bekennen wo man gewesen war. Einmal brachte ich voller Stolz eine Wasserratte mit und ließ sie im Spülbecken Kreise ziehen. Mutter hat fast der Schlag getroffen, was ich gar nicht verstand.
Zum Abendessen gabs Schmalzebrote, runter gespült mit Milch vom Bauern oder auch schon mal Kakao. Mein Cousin war da schon etwas bessergestellt. Für ihn gab es Ovomaltine. Einmal in der Woche kaufte Mama ein oder meist zwei Brote vom Bäcker. Die mussten für die ganze Woche reichen. Wenn etwas davon übrigblieb, wurde zum Frühstück Muckefuck, die koffeinfreie Kaffee-Alternative mit darin eingeweichten Brotbrocken, serviert. Ein Löffel Zucker darüber und man konnte alles gut essen. In der Regel waren es jedoch kernige Kölln-Flocken in Milch, mit denen im Leib der Tag gestartet wurde.
In den beiden Anfangsjahren bekamen wir in der Schule noch eine Schulspeisung, Quäkerspeise genannt, von der Organisation American Friends Service Committee (AFSC) in Form von Suppeneintopf, Hafer- oder Grießbrei. Da war auch schon mal ein Riegel Schokolade dabei, von der wir sonst nur träumen konnten. Unser Lehrer in der Grundschule hatte wohl bei dem Studien-Fach Pädagogik manche Dinge fehlinterpretiert. Wir lernten viel bei ihm, aber auch was schmerzende Handflächen sind. Während andere Lehrer Rohrstöcke benutzten, war er schon ein Schritt weiter. Ein Klassenkamerad, dessen Eltern eine Druckerei besaßen, musste ihm immer die ausgewechselten Kunstoffleisten aus der Papierschere mitbringen. Unaufmerksamkeit wurde so direkt mit Leistenschlägen in die Handfläche geahndet und wir beschworen den Mitschüler oft diese Teile nicht mehr mitzubringen. Vergeblich, aber man gewöhnte sich daran. Lehrer L. war Mathematik-Fan und so begann der Unterricht nach dem „Guten Morgen Herr L.“ noch im Stehen mit dem großen 1×1. Wer seine Frage richtig beantwortete durfte sich setzen. Ich blieb meistens stehen und entwickelte im Laufe der Jahre einen regelrechten Hass auf Zahlenspiele.
Die Disziplin, die während der Unterrichtsstunden eingebläut wurde, wurde fand in den Pausen auf dem Schulhof ihr Ventil. Raufereien waren an der Tagesordnung, aber interessanterweise wurde nie die unsichtbare Grenze zur Gewalt überschritten. Schon bald grassierte das Feuer des Klickerspiels.

Es gab Lehmkügelchen und welche aus Glas. Die letzteren waren fast unerschwinglich und so begann ein reger Tauschhandel. Zehn Lehmer gegen einen gläsernen Klicker. Und hier begannen schon die ersten Schritte in die Kleinkriminalität. Einer von uns kam auf die Idee die Lehmer selber herzustellen und zu bemalen. Dass sie auch gebrannt werden mussten, war uns nicht bekannt. Der Tausch der Eigenproduktion gegen die gläsernen Schönheiten lohnte sich allemal. Beim ersten Wurf in das Zielloch zerplatzte jedoch der Traum vom Glück buchstäblich und wir machten das Geschäft schnell rückgängig.
An manchen Sonntagen ging es mit „Tanti“ in den Wald um Tannenzapfen zum Heizen zu sammeln. War das ein Spaß, wenn sich der kleine Handwagen zusehends füllte. Das mitgeführte, gezuckerte Essigwasser schmeckte so köstlich und löschte den Durst in Windeseile. Manchmal holte ich mit Mama Papa vom Bahnhof ab. Das war in der Regel nicht ganz einfach. Wir hatte ja keine Fahrkarte für einen Zug und mussten daher eine Bahnsteigkarte kaufen, damit wir ihn betreten durften. Das wurde streng kontrolliert, aber es lohnte sich meist. Vater bracht oft sein Butterbrot von der Arbeit mit und ich freute mich riesig das sogenannte Hasenbrot zu vertilgen.
Einmal fuhren wir mit dem Zug, der von einer Dampflok gezogen wurde, nach Siegen. Ich sollte einen Bleyle-Pullover zu Weihnachten bekommen und freute mich aber fast mehr über die Bahnfahrt. Die harten Holzbänke störten nicht und wenn man das Fenster aufmachte und heraus sah, war das Gesicht fast so schwarz wie das des Heizers. Die Stadt an der Sieg erschien mir riesenhaft und ich konnte die Pracht um mich herum gar nicht alle aufnehmen. Papa durfte sich noch einen geräucherten Bückling kaufen und Mama passte auf, dass die wenigen Markstücke zusammenblieben.
Es war eine Zeit in der man eine unverheiratete Frau mit Fräulein ansprach und die Eltern auf dem Weg zum Wahllokal ihren besten Zwirn anhatten. Die Männer zogen beim Grüßen ihren Hut und die Kinder steckten beim Verlassen der Kirche dem Negerlein auf dem Altar eine Münze in den dafür vorgesehenen Spalt. An ein eigenes Fahrrad war nicht zu denken und als ich von Verwandtschaft ein Vorkriegs-Herrenrad geschenkt bekamen, durfte ich unter der viel zu hohen Stange hindurch Radfahren lernen.
Ein Schwimmbad gab es im weiten Umkreis nicht. Schwimmen lernte ich und viele andere Kinder, mehr schlecht als recht, in einem ausgewaschenen Teil des Aubachs, den die Einheimischen Säukimbche nannten. Unweit von meinem Elternhaus gab es einen Luftschutzbunker, den wir Felsenkeller nannten. Auf diesem Terrain hatte ein Pferdemetzger seine noch zu schlachteten Pferde stehen. Das Futter dafür, eine ausgedehnte Wiese, mähte er im Sommer und wir Kinder waren in den Ferien fast täglich dabei. Apropos die Sommer. In der Erinnerung waren die endlos lange und ganz selten regnete es. Während sich der gute Mann Tag für Tag mit dem Heu quälte, tollten wir auf der Wiese herum und saßen auf der Heimfahrt hoch auf dem Heuwagen.
Auch die wenigen Spediteure oder die Schrotthändler ließen ihre Wagen von Pferden ziehen. Einer beendete seine täglichen Fuhren mit einem Gang ins Wirtshaus und auf der Weiterfahrt schlief er regelmäßig auf dem Kutschbock ein. Kein Problem, der Gaul kannte seinen Weg. Oft ging ich mit Mutter zum Einkaufen. Genau genommen gab es nur zwei Geschäfte in meiner Heimatstadt. Eins davon war der Kamitz. Nie gingen wir raus ohne, dass ich ein kleines Tütchen mit Bonbons bekam, die der Händler aus einem großen Glas fischte. Zeitungspapier war das ideale Packpapier, Plastikverpackungen gab es noch nicht. Als Unverzagt ein kleines Milchgeschäft an der Aubachbrücke eröffnete, entfiel der lange Weg zu dem gleichnamigen Bauern. Mit einer Alu-Kanne ging es zum Milchholen und auf dem Rückweg wurden die Gesetze der Fliehkraft getestet. Beim Rundschleudern des Gefäßes musste man nur schnell genug sein, dann blieb der Deckel drauf. Einmal, so erinnere ich mich ging daneben und die Kanne war nicht mehr so ganz voll.
Ich durfte mittlerweile auch selber Brot holen und nicht selten überkam mich die Versuchung ein Loch in den Leib zu bohren, um ein wenig von dem frischen Inneren zu naschen. Das blieb nie ohne Folgen, aber auch an ein paar Kopfnüsse gewöhnte man sich. Wenn das Obst reif war klauten wir Äpfel und Kirschen was das Zeug hielt. Wir hatten alle den begriff Mundraub im Kopf und waren uns demzufolge keiner Schuld bewusst. Die Besitzer der Obstgrundstücke sahen das ein wenig anders und so hagelte es Beschwerden bei unseren Eltern. Auch dafür gab es keine langen Strafpredigten, sondern kräftige Hiebe. Als wir einmal auf der Steilstrecke nach Donsbach ein dort abgestelltes Pferdefuhrwerk einer gründlichen Inspektion unterzogen, hatten wir im Eifer des Gefechtes die Bremsen gelöst. Das Fahrzeug fuhr mit Getöse die Straße hinab und kam im Gartenzaum eines Nachbarn zum Stehen. Wie dieser Vorfall geahndet wurde weiß ich nicht mehr, aber sicherlich waren es keine Streicheleinheiten.
Vater besserte den häuslichen Verpflegungsplan mit Stallhasen auf. Als ich einmal zusah wie eines der armen Geschöpfe zu Tode kam, läuft mir bei der Erinnerung heute noch ein Schauer über den Rücken. Auch ein Hammel gehörte zur Familie und der stand auf einer Wiese gegenüber unserem Hause. Der nur wenige Häuser entfernt wohnende Bankdirektor nahm gewohnheitsmäßig seinen Weg über besagte Wiese, aber plötzlich war dort ein Hammel in seinem Revier. Der nahm den armen Mann aufs Korn und verpasste ich einen schmerzhaften Stüber. Das war das Ende des Hammels schließlich war der Direktor eine Respektsperson und die traktierte man nicht.
Da Fleisch in unserer Familie Luxus war und nur an Wochenenden auf den Tisch kam, wartete Mama ab bis Vater ein paar Tage weg war und bereitet für uns Kinder ein Stück Pferdefleisch zu. Für ihn wäre als geborener Westpreuße die Welt zusammengebrochen, aber wir hielten dicht. Diesbezüglich war er mit meinem väterlichen Freund, einem hochgeachteten Geschäftsmann, auf einer Linie. Der züchtet Trakehner und betrieb eigens dafür einen fast luxuriösen Pferdestall. Ein Fauxpas hätte fast unsere Freundschaft zerstört. Ich fragte völlig arglos wie teuer den ein Gaul bei ihm sei. Seitdem weiß ich, dass Gäule als Kutschpferde im gehen äppeln und Pferde geritten werden.
Mit meinem Freund aus Kindertagen erlebte ich wohl die schönste Kinderzeit, die man sich nur denken kann. Dass da auch schon mal was in die Hose ging lag in der Natur der Sache. Es war wieder einmal einer dieser endlosen Sommer und wir hatten ein Feuerzeug dabei. So eine unbearbeitete vertrocknete Wiese muss doch gut brennen, dachten wir. Man kann das Feuer ja schnell wieder löschen, nahmen wir an. Wir konntes es nicht und so musste der angrenzende Wald auch dran glauben. Der oder die Brandstifter wurden nie gefunden, zum Glück. Das hätte das Leder unserer kurzen Hose wohl nicht überlebt.

Auch der Handel mit Devotionalien in Form von eisernen Grabkreuzen lief nicht gut. Wir bedienten uns bei einem Schrotthändler und verkauften sie dem anderen. Scheinbar ein sehr listiges Geschäft bis uns wieder besagter Bankdirektor einen Strich durch die Rechnung machte. Er sah uns mit der Beute auf dem Weg zum Schrott und petzte bei meinen Eltern: „Ihr Sohn hat Grabkreuze auf dem Friedhof entwendet“. Es halfen keine Erklärungen, dass wir die nicht vom Friedhof gestohlen hatten, aber das war ja nun einmal die Wahrheit. Mutter setzte zum ersten Mal ihre Klopfpeitsche mit den Lederriemen ein und damit mein Wehklagen nicht von den Nachbarn gehört wurde, geschah alles im Keller.
Vater, der sich aus solchen Strafaktionen immer heraushielt, bemerkte nur, dass mein Lebensweg in Richtung Schrotthandel führen würde. In der Tat blieb meine Liebe zu noch Brauchbarem ungetrübt. Ein anderer Schulkamerad betrieb einen schwungvollen Handel mit Weltkrieg-Überbleibsel. Sein Fundus war überwältigend und als er mit einer Pistole warb, konnte ich nicht wiederstehen und bot ihm dafür eine lederne Fliegerhaube. Der Handel war perfekt, lediglich der angelötete Lauf der Pistole war ein leichter Schönheitsfehler. Mein Freund war begeistert und wir gingen in „unseren Wald“ um die Waffe einzuschießen. Schon beim ersten Schuss flog der Lauf weg und so löste sich (zum Glück) der Traum von einer eigenen Pistole in Luft aus. Die Müllkippe in der Hachelbach war unser zweites Zuhause. Was man da alles Brauchbare fand, schier unvorstellbar. Unsere Eltern waren wie so oft wenig begeistert über unsere Aktivitäten und der arme Wächter über dieses Eldorado ebenfalls nicht. Er verlor einen Arm und ein Auge im Krieg. Dass man sich über so jemand nicht lustig machte, wurde uns schon im Elternhaus beigebracht, aber wir machten es. Unvorstellbar in der Retrospektive.
Unsere Kindheit war geprägt von Entbehrung, die wir jedoch nicht realisierten. Es war einfach so wie es war. Auch damals gab es Kinder, den es etwas besser ging. So bekam ein anderer Freund von mir von seinem Vater eine elektrische Eisenbahnanlage, die über zwei Kellerräume hinweg ging. Wir durften sie höchstens anschauen. Trotzdem kam kein Neid auf, aber ich habe im ganzen Leben keine elektrische Eisenbahn mehr gewollt. Mir genügten Wiking oder den etwas teureren Siku-Autos. Beim Kauf von Sanella- Margarine gab es Tierfiguren, Mini-Ställe und Zäune, so dass man ganze Zoos oder Bauernhöfe bauen konnte. Lego-Steine kamen in der heutigen Form erst 1958 auf den Markt. Zu spät für uns und immer noch kaum erschwinglich.
Vaters altes Motorrad, eine NSU mit Tankschaltung, hatte es mir schon früh angetan. Wie ich mit dem schweren Teil fertig wurde, ist mir bis heute noch ein Rätsel. Auf jeden Fall fuhr ich damit im Wald spazieren und wurde mehrfach vom Förster beobachtet und nach Hause gemeldet. Anzeigen bei der Obrigkeit gab es damals so gut wie nicht. Das wurde im interfamiliären Kreis geregelt. Mein Vater regelte es auf seine Weise und sägte das gute Stück in einzelne Teile. Die brachte es persönlich zum Schrott. Darüber bin ich heute noch traurig. Genauso erging es mir mit einem Speicherfund. Der alte Weltkriegskarabiner entlockte mir Freudenschreie. Mit Freund Ulrich ging es in den Wald. Wir banden das gute Stück an einen Baum und mit einem am Abzug angeknoteten Seil wurde ausgelöst. Kein Schuss fiel. Die Büchse war also nicht geladen. Vater kam mir auf die Spur und nahm den Schießprügel an sich. Vermutlich verhökerte er ihn.
Die Firma Cloos brauchte für ihre Schweißmaschinen Karbid. Die Substanz wurde außerhalb gelagert und wir stellten bald fest, dass sie auch für unsere Zwecke brauchbar war. Eine Blechdose mit Deckel, ein kleines Loch im Boden, Karbid in die Dose und etwas Spucke dazu. Die Kanone war fertig. Jetzt brauchte man nur noch ein brennendes Streichholz an das Loch zu halten und der Deckel flog mit Getöse davon.
Unser Städtchen war aufgeteilt in zwei Sektoren. Der Bereich unter der Bahnlinie nach Siegen wurde von den oberhalb dieser Bahnlinie residierenden „Banden“ gemieden und umgekehrt. Zorro-Peitschen aus einem Holzstab und einem langem Reifengummi, der beim vulkanisieren von Autoreifen als Abfall anfiel, waren eine schreckliche Waffe. Gut das beide Banden sie besaßen und somit war ein Patt die reine Überlebensstrategie. Die Kämpfe wurden daher ausnahmslos verbal ausgetragen. Wie schon oben erwähnt hatten wir eine schöne Kindheit und dass wir stark wurden, lag vielleicht doch an dem übel schmeckenden Lebertran. Fotos: Gerdau