Von Siegfried Gerdau
Der Mann, der diesen sybillinischen Spruch am 7. Oktober 1989 vor der Presse, anlässlich des 40. Jahrestags der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), verlauten ließ, leitete die Deutsche Wiedervereinigung bereits kurz darauf ein. Die kommunistischen Machthaber um Erich Honecker (Staatspräsident der DDR) hatten wohl nicht richtig hingehört, als Michail Gorbatschow die Notwendigkeit von Reformen hinzufügte. Der eigentliche und unblutige Systemsturz erfolgte jedoch durch die Bürger des Landes hinter dem „Eisernen Vorhang“. „Wir sind das Volk wurde zum Schlachtruf und führte letztlich zum Fall der Mauer.
Michail Gorbatschow, ein Politiker und Staatschef, der weltweit für eine der größten politischen und teilweise auch wirtschaftlichen Umwälzungen verantwortlich war, wurde in der westlichen Welt dafür geehrt und geachtet. Im eigenen Land hingegen überwiegend immer noch gehasst und verachtet. Der russische Staatspräsident der Sowjetunion wurde am 2. März 1931 in Priwolnoje geboren und starb am 30. August 2022 in Moskau.
Er war von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und von März 1990 bis Dezember 1991 Staatspräsident der Sowjetunion. Er setzte mit Glasnost („Offenheit“), einem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, und Perestroika („Umbau“), insbesondere mit der Abschaffung der Planwirtschaft, neue Akzente in der sowjetischen Politik. In Abrüstungsverhandlungen mit den USA leitete er das Ende des Kalten Krieges ein.

1990 erhielt er, absolut zu Recht, den Friedensnobelpreis und anlässlich seines 80. Geburtstags 2011 schuf man den Mikhail Gorbachev Award – The Man Who Changed The World (Michail-Gorbatschow-Preis – Der Mensch, der die Welt veränderte). Mit ihm sollten Menschen geehrt werden, deren großartiger Beitrag zur Entwicklung unserer heutigen Welt unverkennbar sei, die jedoch dafür bislang kaum beziehungsweise gar keine Aufmerksamkeit oder Dankbarkeit erhalten hätten. UNO-Generalsekretär António Guterres würdigte Gorbatschow 2022 als Staatsmann, der „den Lauf der Geschichte verändert“ habe: Er habe „mehr als jeder andere dazu beigetragen, den Kalten Krieg friedlich zu beenden.
„Wenn Menschen Angst vor der politischen Macht haben, kann es zum Schlimmsten kommen. Wir brauchen Glasnost. Wir brauchen den Dialog zwischen der Gesellschaft und den Machthabern.“ Michail Sergejewitsch Gorbatschow.
Er beendete den Krieg gegen Afghanistan- im Dezember 1979 intervenierte die Sowjetunion (unter Leonid Breschnew) dort militärisch in dem Konflikt und setzte eine neue kommunistische Regierung ein. Mit der sowjetischen Invasion begann ein zehn Jahre andauernder Krieg zwischen der sowjetisch gestützten Regierung und von den USA unterstützten Widerstandsgruppen der Mudschahedin. Den Krieg Russlands gegen die Ukraine (Februar 2022) verurteilte Gorbatschow von Beginn an aufs Schärfste.
In Russland ist Gorbatschow dagegen weitgehend unbeliebt, weil er nach verbreiteter Meinung den Zusammenbruch der Sowjetunion und die folgende Phase wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit verursachte. Nach Gorbatschows Tod erklärte der Vizepräsident der Staatsduma, Witali Milonow: „Gorbatschow hat ein Vermächtnis hinterlassen, das für unser Land schlimmer als Hitler ist.“
Wir Deutsche in Ost und West hingegen haben Gorbatschow alles zu verdanken. Wer weiß wie sich die Dinge zu Zeiten des Kalten Krieges entwickelt hätten, wenn er nicht die Perestroika im gesamten Einflussbereich der damaligen Sowjetunion umgesetzt hätte. Putin, den er bereits schon im Vorfeld dessen Machtübernahme kritisch beobachtet hatte, konnte er nicht verhindern. Dass Deutschland und die gesamte westliche Welt wiederum Russland feindlich gegenüberstehen, war ganz gewiss nicht im Sinne des Reformers Michail Gorbatschow. Fakt ist jedoch und da muss man sich nichts vormachen. Wenn der Aggressor Wladimir Wladimirowitsch Putin aus welchen Gründen auch immer sein Amt verlässt, wird es einen „anderen Putin“ geben und ob der ein „neuer Gorbatschow“ sein wird, darf bezweifelt werden.