Von H. Eberhard
Wenn die Ziele weniger werden, die Zeit schneller vergeht und materielle Werte an Bedeutung verlieren, hat das Leben einen Status erreicht, in dem das Überleben erste Priorität besitzt.

Die eigene Meinung hat sich verfestigt, weil sie im günstigsten Fall oft genug hinterfragt wurde. Die andere wird immer unaufgeregter zur Kenntnis genommen. Die Zeit der Nabelschau ist in ein neues Stadium getreten und der Horizont beginnt zu schrumpfen. Die verzweifelten Versuche Dinge zu bewahren, die ins Nirwana abzustürzen drohen, wirken in ihrer Sinnlosigkeit hilflos und nicht selten unangebracht.
Erinnerungen, die ein ganzes Leben lang verschüttet waren, treten an die Oberfläche und gewinnen an Wert. Sie verfestigen plötzlich den Sinn des eigenen Seins. Immer öfter verweigert der Körper die Mitarbeit. Eine Getränkekiste an jeder Hand war einmal. Jetzt ist man froh bei einer einzigen geholfen zu bekommen. Anfangs fast unbemerkt, wird viel zu schnell deutlich, dass die Tage, die in den Anfangsjahren des Lebens so unendlich lang erschienen, immer kürzer und schwerer werden.
Selbst das Aufstehen fällt nicht mehr so leicht wie früher und damit ist nicht die Unlust gemeint, sondern das Knacken der Knochen. Während die Kleinen das Binden der Schuhe lernen müssen und stolz sind, wenn sie es können, ist es im zunehmenden Alter ein Angang. Der Griff nach den Slippern und dem langen Schuhlöffel wird zur Pflicht.
Obwohl die Terminkalender auf das unbedingt Nötige geschrumpft sind, steht immer mehr der nächste Arztbesuch darin. Hausarzt, Facharzt, Physiotherapeut und vielleicht auch die Altersgymnastikstunde müssen sein. Wer einen guten Hörgeräteakustiker und einen fachlich versierten Augenoptiker kennt, ist schon ein Stück weiter. An Krankenhausaufenthalte will man erst gar nicht denken.
Über allem schwebt immer die Angst, den Führerschein zu verlieren. Zu alt, eine Beule ins Nachbarauto gefahren oder eine ungünstige Gesundheitsprognose. Alles ist möglich. In unserer modernen und fortschrittlichen Zeit, verliert der ältere Mensch auch gesellschaftlich seine Bedeutung. Da Höflichkeit per se in Misskredit geraten ist, hat sie gegenüber dem älteren Menschen überhaupt keine Bedeutung mehr. Alt ist gleich dumm und überflüssig, also eine Belastung, die es gilt niederschwellig zu halten.
Freundschaften reduzieren sich, werden ehrlicher. Das Wissen um die Endlichkeit hat oftmals auch die noch nicht erreicht, die es besser wissen müssten. Was bleibt und nicht selten im Alter noch stärker wird, ist der Hass gegen Menschen auch dann, wenn man sie gar nicht kennt. Den gleichgeschalteten Massen, zumindest gedanklich hinterherlaufen, geht scheinbar noch. Schade eigentlich, denn das Alter sollte weiser gemacht haben. Vielleicht ist es aber das Aufbäumen gegen den eigenen Niedergang, wenn ältere und alte Menschen mit Hetzplakaten schreiend auf den Straßen hintereinander hermarschieren. Eigentlich gäbe es besseres zu tun. Beispielsweise die verbliebene, vorbeieilende Zeit sinnvoll zu nutzen.