Faszination Herbst

Von Siegfried Gerdau

Nebel, Regen, Sonne, Sturm und die wunderschönsten Farben. Es ist Herbst. Mein 80. Zugegeben, die ersten drei Jahre muss ich abziehen, weil ich mich auf mich selber konzentriert habe. Das Spiel der Jahreszeiten erfordert immer wieder neue Anpassung. Hinzu kommt eine gewisse Traurigkeit, weil der Sommer vorbei ist und die Ungewissheit wie sich der Winter entwickeln wird. Die Farbenpracht des Herbstes von Rot, Orange über Gelb und Gold oder Braun und Dunkelgrün, erzeugt eine Gemütlichkeit, so als wolle sie sich für die Vergänglichkeit entschuldigen. Nicht nur für Fotografen ist die dritte Jahreszeit die Hochzeit ihres Hobbys. Es ist aber auch die Zeit für die immer wiederkehrenden Frage: „Was ziehe ich denn nur an.“

Die Thermometer schlagen Purzelbäume und es kann sein, dass der Winterdress die falsche Entscheidung war. Ein Spaziergang durch den (trockenen) Herbstwald ist ein Hörerlebnis der besonderen Art. Das Rascheln der bunten Blätter vergisst man nicht und es weckt unbestimmte Sehnsüchte nach Natur und Freiheit. Das Zellsterben macht Blätter trocken und brüchig und lässt lediglich Zellulose, also ganz profanes Papier übrig. Kinder in ihrem Spiel mit Blättern zu beobachten, macht diese Faszination noch deutlicher. Sie sammeln Buchen und Eichenlaub oder was gerade vor ihren kleinen Füßen liegt. In den Schulen oder Zuhause werden sie in dicken Folianten gepresst und in Mappen geklebt.

Der Herbst ist auch Erntezeit für Pilzsucher. Waldpilze wie Steinpilze, Pfifferlinge, Maronenröhrlinge oder die Kraus Glucke sind beliebte Speisepilze und der i-Punkt auf vielen Gerichten. Die Pilzsuche endet in der Regel im November. Der schönste Pilz ist sicher auch der gefährlichste für den menschlichen Genuss. Mit seinem roten Hut und den weißen Punkten darauf, warnt er schon von weitem. Dennoch verdient er Respekt und es gibt keinen Grund ihn zu beschädigen.

Natürlich darf man aber auch die Kehrseite der Medaille nicht verschweigen. Was dem einen ein buntes Naturerlebnis ist, macht Ordnungsfanatiker manches Mal rasend. Blätter auf dem „heiligen Rasen“ sind ein No-go und werden umgehend entfernt. Das macht Arbeit und ist die Fortsetzung des Rasenmähens. Auf den Straßen und Plätzen sind die Naturprodukte ebenfalls unerwünscht. Wenn sie nass sind könnte man auf ihnen ausgleiten.

Nachhaltige Beseitigung war allerdings früher. Heute werden mit viel Getöse Laubbläser und Sauger eingesetzt. Besen und Schaufel sind out. Die Märkte quellen mit Weihnachtsutensilien und Süßigkeiten jetzt schon über. Wir haben Oktober, aber wen interessiert das, wenn es ums Geld geht. Die einstige, so stimmungsvolle Vorweihnachtszeit findet halt vor ihrer Zeit in den Geschäften statt. Bleiben wir beim Herbst. Auch wenn in den Mittelgebirgen laut Wetterbericht schon mal Schneefall vorausgesagt wurde, der „Goldene Oktober“ könnte Wirklichkeit werden und dann haben wir den Herbst, den wir uns wünschen. 

  

 „Herbst“
von Rainer Maria Rilke
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallenunendlich sanft in seinen Händen hält. Fotos: Gerdau

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