Bildbesprechung von Siegfried Gerdau
Mit lautstarkem Protestgeschrei kündigt Homo sapiens sein Erscheinen in einer für ihn ungemütlichen Welt an. Parallel dazu beginnt eine imaginäre, aber unerbittliche Sanduhr zu laufen, die von nun an sein Leben begleiten wird.
Hat das Menschenkind in einem christlichen Umfeld die Welt erblickt, wird ihm schon bald die Bibelversion des neuen Testaments als Lebensbegleiter angeboten. Im Laufe seiner Entwicklung entscheidet er sich für ein Leben unter den Geboten Gottes oder für eine anderen Religion. Der Versuch ganz ohne einen spirituellen Halt diesen Weg zu meistern, ist dabei der schwerste.
Die sogenannte „Heilige Schrift“ ist die wichtigste religiöse Textsammlung im Juden-wie auch im Christentum. Sie gilt Gläubigen als göttlich inspiriert, mindestens aber als orientierender Maßstab. Für viele Christen kann man sie getrost als das am meisten gelesene Buch bezeichnen, weil es versucht Erklärungen für alle Lebenslagen zu liefern.
In weit mehr als an einer Stelle weist das Werk auf die Endlichkeit, auch der menschlichen Geschöpfe, hin. Die Sanduhr manifestiert diese unwiderlegbare Tatsache. In vielen Darstellungen wird der Tod als Schnitter oder Sensenmann dargestellt. Die Sense weist demzufolge daraufhin, dass irgendwann die Lebensuhr für jeden Menschen völlig individuell abgelaufen ist.
Gut dran ist der, der sich schon sehr früh mit dieser Tatsache vertraut gemacht hat. Man kommt mit nichts und geht ebenfalls ohne jeglichen Besitz wieder von dieser Welt.
Dazwischen liegen gute und böse Taten, Raffgier, Liebe und Hoffnung, Freude und Leid, Krieg und Frieden. Leben eben. Weil es im Vergleich mit dem Weltzeitalter sehr kurz ist, möchte man das eigene Leben mit Glück erfüllen. Die Entscheidung darüber trifft Gott nicht alleine. Man muss ihm helfen und hilft damit sich selber.

Das Bild entstand 1914 unter der künstlerischen Hand des zu seiner Schaffenszeit sehr beliebten Herborner Humanmediziners Dr. Martin Funke, dem Großvater meiner Frau, und befindet sich noch immer im Familienbesitz. Mit deren Genehmigung durfte ich es abfotografieren und veröffentlichen. Es stellt in einzigartiger, komprimierter Weise das Leben dar und macht gleichzeitig deutlich wie wenig verlässlich es doch ist.