„Der Tod findet immer einen Grund“

Schwarze Gedanken in einer dunklen Zeit

Von Siegfried Gerdau

Manchmal habe ich das Gefühl, das viele meiner Mitmenschen ihre Endlichkeit negieren. Es wird gerafft ohne daran zu denken, dass man nichts aber auch gar nichts mit ins Grab oder ins Krematorium nehmen kann. Neulich sagte jemand, dass er im nächsten Jahr schon seine Reise gebucht habe. Ich antwortete ihm, dass er mutig sei. Warum, fragte er. Das war ein erneuter Beweis für mich, dass Menschen glauben auch die Zukunft im Griff zu haben. Haben sie aber nicht und das ist Fakt. Ein anderer, sehr frommer Mann sagte einen Satz zu mir, der mich bis zum heutigen Tag beschäftigt: „Der Tod findet immer einen Grund“ und er hat recht. Man denkt alles im Griff zu haben und das ist ein sehr fragiles Denken. Wer an Gott glaubt weiß, dass nur der alleine über Sein oder Nichtsein entscheidet. Atheisten denken eher, dass sie so zu sagen ein Alleinvertretungsrecht sich selbst gepachtet haben. Haben sie ebenfalls nicht. Auch ihnen blüht irgendwann das Ende und es ist genau so wenig vorauszusagen. Da hilft weder der beste Arzt noch Sport oder das gesündeste Leben. Wenn der Tag kommt nützen auch das dickste Bankkonto oder die tollsten Immobilien nichts mehr.

Foto: Gerdau

Klar ist es lebensnotwendig zu planen. Den Aufbau einer Familie, der Hausbau oder auch das Vermehren des Vermögens. Dass Menschen bei all ihrem Schaffen an andere denken, um ihnen ebenfalls ein gutes Dasein zu garantieren, ist wohl eher ein wohltätiger Glaube. Es reicht aber schon, wenn bei aller Emsigkeit Geld anzuhäufen ein kleiner Teil auch für andere abfällt.

Nur schwer nachzuvollziehen ist, wenn sich Menschen gegenseitig mit Hass und Hetze überziehen. Ob aus politischen oder religiösen Gründen ist gleichgültig. Da ziehen Frauen und Männer auf den Straßen umher und brüllen oder keifen ihre Parolen und Hassgesänge den Anderstickenden entgegen. Immer müssen Polizeibeamte die Lage im Auge behalten, ansonsten gingen bisher brave Bürgerinnen und Bürger sich gegenseitig an die Kehlen. Beschirmt, Bannertragend und Fahnen schwenkend schreien sie ihre Wahrheiten hinaus und hoffen, dass die Gegner entsprechend reagieren. Um was es eigentlich geht, könne die Wenigsten artikulieren. Mitmachen, um der eigenen Bedeutungslosigkeit noch einmal zu entfliehen, ist das Wichtigste.

Auf die Spitze getrieben wird der Kampf um die „einzige Wahrheit“ derzeit in Frankreich und Italien. Medien haben lange von Schülerprotesten gesprochen und dann als die ersten Geschäfte gestürmt und leergeräumt wurden, erwachte man in den Redaktionen. Bisher wurden 150 französische Polizeibeamte leicht- oder schwerverletzt und die bärtigen Täter waren alles andere als Schüler. Wer glaubt es gehe „nur“ um Lehrermangel oder Unterrichtsmaterial ist gelinde gesagt naiv.

Die Kulturen oder besser gesagt radikale Religionsfanatiker stehen dahinter und die Regierenden immer noch auf dem Schlauch. Martialischer Hass und kriminelle Energie entlädt sich aus den Kronen der Schöpfung. Die braven Bürger, denen teilweise ihre Lebensleistung in Schutt und Asche gelegt wird, können nicht fassen wie Menschen aus der eigenen und oft auch aus anderen Kulturen sich so völlig enthemmt verhalten.

Ist das der Anfang vom Ende, der Einstieg in eine Apokalypse. Wahrscheinlich nicht. Eher kann man vom Erwachen einer Kriegslust sprechen, die sich noch in Straßenkämpfen abreagiert. In den nächsten Schritten schlagen sich vielleicht ideologisch Verblendete oder religiös Fanatisierte die Schädel ein. Parallel dazu bereiten Länder ihre Völker mit Hass und Vernichtungsgedanken darauf vor, sich gegenseitig auszulöschen.

Um ein wenig Sarkasmus ins Spiel zu bringen: Es ist denkbar, dass alle davon profitieren, weil sie gemeinsam gehen werden und niemand mehr auf sein eigenes Ende zu warten braucht.

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