Abfall, Dreckspatzen und Zuständigkeiten

Von Siegfried Gerdau

„Wer macht denn so etwas und schmeißt seinen Abfall einfach in die Landschaft“, erregt sich der Handwerksmeister in mittleren Jahren. Mehr zufällig hat er auf seinem Weg zur Arbeit Schnellimbisstüten, coffee-to- go-Becher und sogar Matratzen und Überbleibsel von Campingstühlen gesehen. Das habe ihn so in Harnisch gebracht, dass er auf einer Strecke von zwei Kilometern Fotos mit seinem Handy schoss. „Ich hätte dranbleiben können, es lag noch viel, viel mehr an den Straßenseiten“, sagte der Mann aus einem Herborner Stadtteil.

Was sind das für Menschen, die absichtlich unachtsam mit unserer Natur umgehen, frage er sich schon seit geraumer Zeit. Der Mann ist nicht der typische „Melder“ mit Blockwart-Mentalität. Er ist ein Bürger, der sicher eine gute Kinderstube hatte und schon lange weiß, dass die Menschheit so nicht weitermachen kann.

Offensichtlich wurden diese Zivilisationsabfälle aus Autofenstern „entsorgt“. Wie man aber unschwer erkennen kann, nicht alles. Wer schleppt seine versifften Schlafzimmermöbel an die Straßenränder, anstatt sie kostenlos auf der Mülldeponie oder noch einfacher, beim Sperrmüll abzugeben.

Ex und hopp gehört wohl für Viele nach dem Besuch einschlägiger Lokalitäten „Auf den Lüppen“ zum gepflegten Nachtisch und ist scheinbar ein Zeichen für absolute Coolness. Möglicherweise ist es aber auch nur ein Ausdruck von Verachtung gegenüber dem Verzehrten. Auf jeden Fall ist es eine Sauerei, auf die man nun wirklich nicht Stolz sein kann.

Wenn man die zweite Seite der Medaille betrachtet, wird es auch nicht besser. Warum sammelt den Abfall „von Amts wegen“ eigentlich niemand auf. Mit dieser Frage gerät man aber in das Behördendickicht, das es nicht nur in Deutschland gibt. Wer ist denn zuständig? An dieser Frage scheitern sich die Geister. Eigentlich der, der ihn weggeworfen hat. Ganz richtig. Ob das der Besucher der Stadt ebenso sieht, darf bezweifelt werden. Es fällt ihm vielleicht das sattsam bekannte und leicht abgewandelte Sprichwort ein: „Sage mir wie du aussiehst und ich sage dir wer du bist“.

So ganz nebenbei. Das hier Geschriebene trifft umfänglich auch für den Bahnhofsbereich zu. Auch hier wird über Zuständigkeiten in Sachen Sauberkeit diskutiert: „Bis hierhin ist die Bahn und ab hier die Stadt zuständig“. Das mag richtig sein, aber wenn Bahnreisende die Gleis-Unterführung passieren, werden sie nur denken, „was ist das für eine versiffte Stadt.“ Man kann sich nicht vorstellen, dass sich die Bahn über ein paar säubernde, nicht Bahn-Bedienstete in ihrem Zuständigkeits-Bereich aufregen würde.

Das Gleiche gilt auch für die Straßenränder, für die die Stadt nur teilweise zuständig ist. Die Dill-Kinder machen es vor und fragen nicht: „Wer ist dafür zuständig?“ Sie machen den Dreck entlang der Dill einfach weg.

Das alles ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass es noch viel zu viele Dreckspatzen gibt, denen man nur beikommt, indem man immer wieder für Sauberkeit sorgt. Laut der Broken-Windows-Theorie (englisch für Theorie der zerbrochenen Fenster) soll eine zerbrochene Fensterscheibe schnell repariert werden, damit weitere Zerstörungen im Stadtteil verhindert werden kann. Diese Theorie lässt sich wunderbar auf Abfall und Schmutzfinken (und öffentliche Toiletten am Stadtpark) erweitern.  Fotos: privat

Halt Stop. Beim Schreiben fiel mir noch ein Erlebnis vor Jahren in Frankreich ein. Ich wollte die Stadt Sète besuchen. Es fing an dämmrig zu werden und ich musste aufpassen nicht in ein Hundehäufchen zu treten. Dieses “ Minenfeld“ zog sich dichtgesät in die Stadt. An jeder Ecke Abfall aller Couleur. Schon bald hatte ich genug von dem Anblick und den unangenehmen Gerüchen und beschloss diese Stadt nicht mehr zu betreten. sig

Erst singen, dann gewinnen


Am kommenden Donnerstag (22. Dezember) ist es soweit: Dann erlebt die Vorweihnachtszeit
in Herborn ihren Höhepunkt. Ab 17.30 Uhr werden auf dem Marktplatz gemeinsam
Weihnachtslieder gesungen, ehe die Abschlussziehung des Herborner Weihnachtsspiels ab 18
Uhr
für Hochspannung sorgen dürfte.

Weihnachtssingen auf dem Herborner Marktplatz. Archiv-Foto: Gerdau


Damit findet das beliebte gemeinsame „Offene Singen“ von Weihnachtsliedern quasi im
„Vorprogramm“ der Verlosung statt. Acht Weihnachtslieder sind in diesem Jahr von der
Kantorei Herborn ausgewählt worden. Von „O Tannenbaum“ bis „O du fröhliche“ sind die
bekanntesten Weihnachtsweisen dabei. Moderiert wird das gemeinsame Singen von Frau
Kantorin Zimmermann-Emde. Die Posaunenchöre aus Schönbach (Leitung Christoph
Henrich) und Hörbach (Leitung Matthias Geil) begleiten die Veranstaltung. Alle sind herzlich
eingeladen, mitzusingen!
Anschließend, direkt nach dem Singen ab ca. 18.00 Uhr, wird die Abschlussziehung des
Weihnachtsspiels beginnen, bei der der Werbering wieder wertvolle Preise verlost. Als
Hauptpreis haben die Kaufleute einen Gutschein für ein E-Bike vom Radhaus Nord ausgelobt.
Aber auch ein Apple iPhone, zwei E-Scooter, Gutscheine für Benzin und Strom sowie
Gutscheine des Werberings warten auf neue Besitzer.
Insgesamt kommen Preise im Wert von etwa 20.000 Euro zusammen. 40.000 Lose waren in
diesem Jahr im Verkauf, einige wenige sind noch erhältlich. Ein Los kostet 1,- €

Zeitgeist in Frage stellen, lohnt sich

Meine Düsseldorfer Agentur „vor-ort-foto.de“, für die ich seit vielen Jahren arbeite, hat sich mit ein paar denkwürdigen Überlegungen ins neue Jahr verabschiedet. Das hat mir so gut gefallen, dass ich es Wert fand, ihnen einen Platz in gerdaus-welt einzuräumen. sig

„Ist es noch zeitgemäß, dass…?” Diese Frage wird heutzutage allerorten gestellt. Ob es um Klima, Energieverbrauch oder Geschlechterfragen geht, die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenseins scheinen sich rapide zu ändern. In einer Kirche in Prag hat Michael Ebert eine radikale Antwort auf so eine Frage gefunden: „Nein, es ist nicht mehr zeitgemäß, in einer Kirche durch Anzünden echter Kerzen die Umwelt zu belasten.”

Nicht mehr zeitgemäß? Foto: Gerdau

Diese Antwort hat eines gemein mit vielen Antworten, die heute bei Fragen dieser Art gegeben werden: Sie ist absolut eindimensional und eigennützig. Der spirituelle oder auch psychologische Hintergrund des Kerzenanzündens wird komplett ausgeblendet und die Konsequenz des Denkens hört auf, wenn es um Einnahmen geht. Konsequent und rational zu Ende gedacht, ist das Kerzenanzünden auch dann eine nutzlose Energieverschwendung, wenn es „nur” LEDs sind. Es würden aber keine Silberlinge mehr in der Kasse klingeln.

Gesundes Misstrauen ist also immer angesagt, wenn jemand daherkommt und sagt, dass dies oder das nicht mehr zeitgemäß sei. Zu allen Zeiten hat es sich gelohnt, selber zu denken und den „Zeitgeist” in Frage zu stellen. Vielfach liegt der Schluss nahe, dass es eher darum geht, die eigene Weltanschauung zum Standard zu machen, als die Gesellschaft als Ganzes voranzubringen.

Es gibt Werte wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme, die unabhängig von gerade vorherrschenden Strömungen für unser Zusammenleben wichtig sind. Darauf sollten wir uns vielleicht eher besinnen, als uns in Auseinandersetzungen darum zu begeben, was denn noch „zeitgemäß” sei.

Fleisbacher Karneval kommt

Die Mitglieder des Gesangvereines „Deutsche Einheit“ Fleisbach 1872 e.V. stecken bereits mitten in den Vorbereitungen für den Fleisbacher Karneval 2023. Eine der bedeutendsten karnevalistischen Veranstaltung in der Region, wird am Wochenende (11. und 12. Februar) sowie am Donnerstag (16. Februar) 2023 über die Bühne des Fleisbacher Bürgerhauses gehen. Während am Samstag (11.Februar) die Prunksitzung stattfindet, haben einen Tag später (12. Februar) die Kinder und Jugendlichen in den närrischen Hallen das Sagen. Der Donnerstag (16. Februar) ist ausschließlich den Damen beim Altweiberfasching vorbehalten.

Fleisbacher Gardetanz. Archiv-Foto: Gerdau

Der Kartenvorverkauf findet am Sonntag (8. Januar 2023) im ehemaligen Fleisbacher Rathaus in der Zeit von 10 bis 12 Uhr statt.

Weitere Informationen gibt es bei der 1. Vorsitzenden des Vereins Marita Martin. Phone: 02772 541 53.

Neujahrsgruß vom Driedorfer Musikverein

Zu einem „Bömischen Neujahrsgruß“ lädt der Musikverein Driedorf am 22. Januar 2023 ab 11 Uhr ins Driedorfer Bürgerhaus ein. Unter der Leitung von Andreas Germann, den Freunden der Blasmusik bestens bekannten ehemaligen Kapellmeister der „Fidelen Münchhäuser“, intoniert das Orchester des Musikvereins neue Arrangements und Klassiker der Egerländer Blasmusik. Christina und Andreas Germann werden ebenfalls wieder als Duett zu hören sein.

Das Orchester des Driedorfer Musikverein. Foto: privat

Eine kulinarische Besonderheit der Veranstaltung, ist das köstliche Angebot von Schweine-und Rinderbraten mit Knödeln, Rotkohl und Soße sein. Der Verzehrgutschein ist in der Eintrittskarte für 18 Euro im Vorverkauf bereits enthalten. An der Tageskasse kostet der Eintritt 10 Euro. Zusätzlich kommen Kurzentschlossene für 15 Euro in den Genuss des kompletten Mittagsmenüs. Karten für das Konzert gibt es im Vorverkauf bei allen Musikerinnen und Musikern des Vereins, der Gärtnerei Heibel sowie der Metzgerei Sonntag (beide in Driedorf).

Post von Merz

Lieber Herr Gerdau,

das war die letzte Sitzungswoche des Deutschen Bundestages im Jahr 2022. Und wie immer zum Jahresende mussten noch einige Entscheidungen getroffen werden. Darunter waren auch die Gesetze der Koalition für die versprochenen Gas- und Strompreisbremsen. Dazu gab es in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch noch 346 (!) Seiten Änderungsanträge, die am Mittwochmorgen in den Ausschüssen abschließend beraten und am Donnerstagmorgen im Plenum in 2. und 3. Lesung beschlossen werden sollten. Kein einziger Abgeordneter konnte diese Texte in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit noch lesen, geschweige denn in Ruhe bewerten. Das ist Gesetzgebung im Blindflug, vollkommen in der Hand der Ministerialbürokratie und eine Zumutung für das Parlament.

Wir erleben diese Vorgehensweise der Koalition jetzt zum wiederholten Mal. Immer auf die letzte Minute, immer in der Nacht vor den entscheidenden Sitzungen, nie mit der gebotenen Sorgfalt im parlamentarischen Verfahren. Diese Art der Gesetzgebung trägt fast schon zwangsläufig den Keim schwerer handwerklicher Fehler in sich. Auch Mitglieder der Bundesregierung können selten präzise Antworten auf von uns gestellte Fragen geben. Mit der Verabschiedung der Gesetze im Bundestag wird dann gleich versprochen, wenn sich Fehler herausstellen sollten, könne man ja nachbessern.

So ging es auch zu bei der Verabschiedung des Jahressteuergesetzes vor zwei Wochen. Durch die steigenden Grundstückspreise und die erforderlich gewordenen neuen Bewertungen werden ab dem nächsten Jahr die Erbschaftsteuern auf Immobilien auch im Mittelstand stark ansteigen. Das hat man im Bundesfinanzministerium in der Eile der Gesetzgebung offenbar übersehen. Der Bundesfinanzminister hat Abhilfe durch höhere Freibeträge in Aussicht gestellt. Gefolgt ist daraus: Nichts. Das Gesetz tritt zum 1. Januar in Kraft, und ab dem nächsten Jahr wird es noch schwieriger, Familienbetriebe in die nächste Generation zu übertragen.

Zu solchen Schnellschüssen in der Gesetzgebung reichen wir nicht die Hand. Natürlich werden wir dafür von der Koalition kritisiert, denn „konstruktive Opposition“ heißt in den Augen der Ampel allein kritiklose Zustimmung zu allem, was sie vorlegt. Aber wenn die zu erwartenden Verwerfungen etwa bei den Ausgleichszahlungen für die hohen Gas- und Strompreise erkennbar werden, würden sie uns vorhalten, wir hätten doch allem zugestimmt. Und genau deshalb tun wir es nur, wenn wir genau wissen, was wir beschließen und wir auch in der Sache zustimmen können.

So geht das Jahr zu Ende mit Beschlüssen, die zwar viel Geld kosten werden. Aber es bleibt vollkommen offen, ob damit auch das erreicht wird, was jetzt nötig wäre, nämlich eine schnelle und nachhaltige Entlastung der privaten Haushalte und der Unternehmen.

Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen vierten Advent!

Ihr Friedrich Merz

Eiszeit bei Zäpfchen, Strom und Gas

Von Siegfried Gerdau

Väterchen Frost, die allseits bekannte und mächtige russische Geheimwaffe, hat Deutschland fest im Griff. Die kleine Stadt an der Dill liegt in Agonie. Die Schulen sind geschlossen, weil eine dicke Eisschicht auf Straßen und Bürgersteigen ein Fortkommen schier unmöglich macht. Der Individualverkehr ist zusammengebrochen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln sieht es auch nicht besser aus. Fast paradiesische Zustände?

Eiszeit auch an diesem Wehr bei Neuenbürg im Schwarzwald. Foto: Gerdau

Kein Co2-Ausstoß mehr und auch die „Letzte Generation“ ist aktionslos, weil der Klebstoff nicht hält und es auch nichts zu blockieren gibt.  Die Menschen in ihren Häusern und Wohnungen beugen sich dem Diktat der Naturgewalt und versuchen es sich so gemütlich wie möglich zu machen. 19 Grad Celsius sind der neue Wohlfühl-Gipfel, den man sich Angesichts des Damoklesschwert Gasrechnung noch leistet. Nach Möglichkeit aber nur in einem Zimmer. Man muss zusammenrücken. „Frieren für den Frieden“, so die Empfehlung eines ehemaligen Staatsmannes. Daran halten sich gewiss alle Bürger?  Die Bundes-Gastanks verlieren viel zu schnell an Volumen. Die Gas-Stromkraftwerke sind einfach zu gierig und die „verdammte“ Kohle schafft es gerade so, den Blackout zu verhindern. Die Spartipps über Blumentopföfen, Waschlappen und Ratschläge über geringere Stromverbräuche, nähern sich der Bestsellerliste. Kerzen sind der Renner, aber auch ihre Abgase belasten die UmWelt. Die Eltern meines 14 Monaten alten und kranken Enkelsohnes brauchen sich nicht zu grämen, weil sie ihm keine Paracetamol-Zäpfchen geben können. Die gab es schon vor der Eiszeit nicht mehr in Deutschland. Auch beim Thema Hustensäfte oder Blutdrucksenker zucken die Apotheker meist hilflos mit den Schultern. Krank werden sollte man sich nicht leisten. Es gibt kaum noch Sprechstunden-Termine und die Krankenhäuser stehen auch vor dem Kollaps. Kollateralschäden im wahrsten Sinne des Unwortes aus dem Jahr 1999.

Mangelwirtschaft bei Zäpfchen, Stahl und Holz. „Wir werden nie mehr so gut leben, wie bisher“, so ein Wirtschaftskapitän. Vermutlich wird er recht behalten.

Aber: Was hat das alles mit der „Eiszeit“ zu tun? Ganz einfach, nichts. Es kommt jedoch gerade sehr viel zusammen und das macht hilflos. Dazu noch wenig hilfreiche und unausgegorene Politikersprüche, oder ein bisschen Extremistenjagd. Im Ablenken und dem Verdrängen auf „Nebenkriegsschauplätze“, waren wir schon immer Meister. Auch der erhoffte Ruck durch einen Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft, ging in die Hose. Es hilft alles nichts. Wir brauchen realistisch denkende Macher. Die Zeit der Spinner:innen hat ihren Zenit bereits überschritten.

Rittal ehrt Jubilare

Von Siegfried Gerdau

In Ewersbach, in dem noch nicht offiziell eröffneten „Nationales Automuseum The Loh Collection“, ehrte der Inhaber der Friedhelm Loh Group Friedhelm Loh am Donnerstag, 321 Arbeitsjubilarinnen und Jubilare für 10, 25, 40 und 50 Jahre Betriebszugehörigkeit. Es konnten jedoch nicht alle zu Ehrenden, teils aus Krankheitsgründen, persönlich erscheinen. In seiner sehr authentischen Gratulationsrede machte Loh einen Ausflug in die Geschichte der regionalen Industrieunternehmen. „Davon, wo noch vor wenigen Jahrzehnten Hochöfen rauchten, Gartenmöbel und Schuhe oder Weberzeugnisse hergestellt wurden und Unternehmen wie Juno und Co den Menschen Arbeit gaben, ist heute nichts mehr zu sehen“, rief er den Anwesenden zu. Es habe nicht einmal 20 Jahre gedauert, bis all diese namhaften Industrien verschwunden seien. „So schnell geht Wirtschaftsgeschichte und dreht sich die Welt“, fügte er hinzu. 6 000 Arbeitsplätze seien in der Region im Laufe dieser Zeit verloren gegangen. Es gäbe eben auf nichts eine Garantie, sagte der Mann, dessen Unternehmen mittlerweile 11 600 Mitarbeiter in 90 internationalen Tochtergesellschaften und 12 Produktionsstätten beschäftigt. Alle Angehörigen des Unternehmens müssten sich die Frage stellen, welchen Beitrag sie leisten müssen, damit Rittal nicht irgendwann das gleiche Schicksal erleidet.

Es gibt auf nichts eine Garantie

Er glaube fest daran, dass die Unternehmensgruppe auch die derzeitige Krise meistern kann. Die gute Zusammenarbeit zwischen Unternehmensführung, Betriebsrat und Mitarbeitern, schaffe die Voraussetzung dafür. Nicht ohne Stolz wies er daraufhin, dass 2021 Sonderzahlungen an die Betriebsangehörigen in Höhe von 13 Millionen Euro geleistet wurden. Auf die Frage nach der Situation, Angesichts von Energiemangel und Krieg in Europa, könne auch er keine schlüssige Antwort geben. Fakt sei jedoch, „dass wir uns noch vor gar nicht allzu langer Zeit nicht vorstellen konnten, mit dicken Pullovern herumzulaufen und einmal Produktionsschwierigkeiten wegen Materialmangel hätten. „Wir müssen wissen, dass sich die Welt verändert hat und weiter verändern wird, und wir es nicht mehr so gut haben wie bisher.“ Mit Zahlen, wie der hohe Anstieg der Chipkosten von ehemals 4 Euro pro Stück auf heute fast das 10-fache oder den Frachtcontainerkosten von 2 000 auf 20 000 Euro, müsse man fertig werden. Dennoch ist Rittal die Nummer 1 auch für Microsoft, als Produzent von komplexen Schaltschränken weltweit. Von Lieferproblemen haben die Rittal-Kunden zudem noch nichts gemerkt.  

Arbeitsjubilare 2022 mit ihrem Chef Friedhelm Loh (rechts)

Er sei guten Mutes, dass sich die Inflationszahlen im nächsten Jahr bei 7 Prozent einpendeln würden. Auch zum Thema Globalisierung äußerte sich der Chef des Familienunternehmens weitblickend. So wie in den vergangenen 30 Jahren werde es nicht mehr sein. Man habe mittlerweile erkannt, dass die einst so gepriesene Globalisierung ein unrealistischer Traum sei. Er wolle kein Schwarzmaler sein, aber die Seetransporte würden noch teurer und die Zölle weiter ansteigen. Ebenfalls würden die Wirtschaftskriege zunehmen. „Wir werden mit unseren Ressourcen sehr sorgsam umgehen müssen“, warnte er und verwies darauf, „dass Kupfer, Silizium und seltene Erden andere haben und wir nicht.“ In Deutschland gehe es nur über den Kopf und die Muskeln. „Ohne dieses Potential sind wir verloren.“

Firmenchef zeigt sich optimistisch

Der Fachkräftemangel sei ein großes Problem, aber man lasse ja niemand rein, der es kann. Auch bei den Studierenden habe man Schwierigkeiten. 30 Prozent der jungen Menschen brechen ihr Studium ab und um dem zu begegnen, würden die Anforderungen immer niedriger angesetzt. Trotz aller Widrigkeiten glaubt Loh nicht, dass man auf eine harte Rezession zusteuere. Im Gegenteil. Für das 2. Quartal im kommenden Jahr hofft er, dass die Aufträge wieder zunehmen. Rittal habe es geschafft, die bisherigen Krisen ohne Kurzarbeit zu bewältigen. Dies wäre Angesichts der Energiekrise für alle Beschäftigten auch der Gau gewesen. „Ich bin optimistisch und glaube, dass wir 2023 Wachstum verzeichnen können. Wir brauchen außerdem wieder positive Botschaften. Negative haben wir genug“, fügte er hinzu. Rittal will künftig noch mehr in China und den USA investieren. Europa sei nicht mehr groß genug für den „Vollsortimenter“ in Sachen Schaltschränken.

Die besten Auszubildenden 2022. Von links: Ann-Christin Blaue, Victoria Romberg, Marian Jung, Luca Dors und Kübra Kurt mit Firmenchef Friedhelm Loh.

„Wir müssen andere Märkte erobern und dabei spielt die Software eine immer größere Rolle“, glaubt der 76-Jährige. Rittal hat mittlerweile 2 000 Software-Spezialisten in seinen Reihen. Software treibe die Entwicklung an. „Was ist heute ein Auto“? Ein Computer auf Rädern, so seine pragmatische Antwort.

Rittal braucht noch mehr Auszubildende

„Diese Feier ist nichts anderes, als ihnen für ihre Treue und die vertrauensvolle Zusammenarbeit in all den Jahren Dank zu sagen“, betonte Loh. „Unsere jungen Leute setzen das fort, was sie aufgebaut haben.“ Daher brauche man Auszubildende. Das Unternehmen stecke 8 bis 10 Millionen in die Aus- und Weiterbildung. Rittal habe viele junge Leute in Ausbildung, aber da alles komplexer werde, brauche man noch bedeutend mehr. Er forderte die Anwesenden auf, für das Unternehmen zu werben und jungen Menschen als gewerbliche und kaufmännische Auszubildende oder auch für das duale Studium Rittal schmackhaft zu machen.

Im kommenden Frühjahr offiziell eröffnet.

Automuseum in Ewersbach setzt Akzente

Der Gebäudekomplex, in dem Omnical einst riesige Kessel baute, beherbergt nun die Loh Ausstellung „Nationales Automuseum“. Im kommenden Frühjahr sei die Eröffnung geplant und gleichzeitig das Restaurant New York, New York sowie das Café Avus betriebsbereit, verriet der Chef.

40 Dienstjahre bei Rittal

Henning Diehl, Harald Fürschbach, Hans- Joachim Hausner, Jan Heinrich, Manfred Killar, Andreas Klein, Jutta Bauk, Dieter Becker, Rolf Benner, Gunthard Bieber, Frank Blieder, Peter Böttger, Heike Braas, Paolo Santoro, Frank Schäfer, Thomas Schäfer, Steffen Schlaf, Gabriele Schmitt, Thomas Schneider, Heinz-Michael Scholl, Klaus Stoll, Peter Hochstein, Andrea Thielmann, Andreas Thielmann, Werner Wagener, Thomas Weber, Roland Wieth, Michael Wunderle, Bärbel Wunderlich und Bernd Zohles.

50 Dienstjahre bei Rittal

Gerhard Becker und Günther Scharnagl.

Auszubildende mit den besten Abschlussnoten

Ann-Christin Blaue Industriekauffrau Note 1,25, Victoria Romberg, Industriekauffrau Note 1,40, Marian Jung, Technischer Produkt-Designer Note 1,20, Luca Dors, Industriekaufmann Note 1,25 und Kübra Kurt, Industriekauffrau Note 1,25. Foto: Siegfried Gerdau

Hessischer Regierungschef besucht Rittal Werk Haiger

Politik und Wirtschaft im Dialog: Hessens Ministerpräsident Boris Rhein hob beim Besuch des Rittal Werks in Haiger die Bedeutung der Digitalisierung für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Hessen hervor. „Digitale Technologien sind der Schlüssel, um heute in der Industrie erfolgreich am Markt zu bestehen. Diesen Schlüssel hat Rittal mutig mit einer smarten Industrie 4.0-Produktion ergriffen. Nur mit Industrie-4.0-Strukturen sind hocheffiziente Produktions-, Logistik- und Kommunikationsprozesse möglich. Rittal ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was ein regionales Unternehmen mit einem breiten, hochwertigen Produktportfolio zu leisten im Stande ist“, sagte Rhein am Freitag.

Um die Wettbewerbsfähigkeit der hessischen Wirtschaft zu stärken sowie die digitale Zukunft des Landes zu gestalten, fördert die Hessische Landesregierung anwendungsnahe, digitale Lösungen und Innovationen in der Digitalisierung, wie Rhein sagte. Mit dem 2019 gestarteten Programm „Distr@l – Digitalisierung stärken, Transfer leben“ seien schon 93 Projekte mit einem Fördervolumen von rund 28 Millionen Euro bewilligt worden.

Ministerpräsident Boris Rhein lobte bei seinem Besuch den Innovationsgeist des Mittelständlers. Das größte Unternehmen der Friedhelm Loh Group habe die Zeichen der Zeit schon vor langem erkannt. „Rittal zeigt eindrucksvoll, wie ein hessisches Unternehmen in der Welt erfolgreich sein kann – mit Know-how, guten Ideen, Kompetenz und einer hoch motivierten Mannschaft“, sagte der Regierungschef. Die Firma mit Sitz in Hessen habe sich kontinuierlich vergrößert, das sei „ein starkes Bekenntnis zum Standort Hessen, zur Region Mittelhessen und den Menschen“, sagte Rhein und gratulierte zu der im November durch die Unternehmensberatung ROI-EFESO verliehenen Auszeichnung „Industrie 4.0 Award 2022“ für die Digitalisierung der Fertigung im Werk Haiger.

Professor Friedhelm Loh, Inhaber und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group, sagte: „Die digitale Transformation der Produktion bedeutet bei Rittal in erster Linie Kundenorientierung. Sie bedeutet für uns aber auch, Verantwortung für unsere Region und ihre Menschen zu übernehmen. Was uns jeden Tag antreibt: Als inhabergeführtes Unternehmen schnell Entscheidungen für die Zukunft von Unternehmen und Mitarbeitenden zu treffen, basiert auf Wachstum und wirtschaftlichem Erfolg.“ Den technologischen Wandel in der Industrie weltweit mitzugestalten und Verantwortung für die Heimat in Mittelhessen zu übernehmen – das sei das Ziel von Rittal bei der Investition in den Neubau der modernsten Kompakt- und Kleingehäusefertigung der Welt nach Industrie-4.0-Standards in Haiger vor rund sechs Jahren gewesen.

Jörg-Michael Müller (CDU-Landtagsabgeordneter), Prof. Dr. Friedhelm Loh (Inhaber und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group), Ministerpräsident Hessen Boris Rhein (CDU), Markus Asch (CEO Rittal International und Rittal Software Systems) und Jürgen Kromer, Werkleiter bei Rittal Haiger (v.l.) Foto und Text: Rittal

Dauerbrenner leben länger

In den 1960er Jahren war der nicht ganz so gesunde Pausensnack ein absoluter Stern am Schüler- und Studentenhimmel. Mohrenkopfbrötchen nannte man die Köstlichkeit und die kosteten so um die 50 Pfennige. Das ging lange gut, bis das arme Ding plötzlich in Verruf geriet. Es wurde des Rassismus beschuldigt und schließlich deshalb nachhaltig stigmatisiert. Vorbei war es seitdem mit dem Mohrenkopf und folglich auch mit dessen Erweiterung, dem Mohrenkopfbrötchen. Die Hersteller der geschäumten Schokoladehäubchen waren mit einem neuen Namen schnell bei der Hand. Schokokuss oder Schokoschaumgebäck ist ja auch politisch viel korrekter.

Wie geht man aber mit einem solchen Wortmonster um? „Ich hätte gerne ein Schokoladenschaumgebäckbrötchen“, hört sich unförmig an und kein Mensch wird dieses Gebilde in den Mund nehmen wollen. Der Chef der Bäckerei, in der ich dieses Kunstwerk fotografiert habe (natürlich mit Genehmigung der Verkäuferin, wegen der Rechte am eigenen Bild), dachte sich wohl, seinen Kunden das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Er hat das Objekt der Begierde ganz pragmatisch in seiner Vitrine ausgestellt, so dass man einfach nur mit dem Finger drauf deuten muss. Sollten es mehr Schokoladenschaumgebäckbrötchen sein, nimmt man einfach noch ein paar Finger dazu. Der Beliebtheit der Teile hat das alles jedoch keinen Abbruch getan, sagte mir die Bäckereifachverkäuferin. sig/Foto: Gerdau