Nur wenig Neues erfuhren gestern Abend die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der außerordentlichen Mademühlener Ortsbeiratssitung im ehemaligen DGH. Daran änderte auch die Anwesenheit des Hauptamtlichen Kreisbeigeordneten Stefan Aurand (SPD) samt zusätzlicher Kreisverwaltungsmitarbeiter wenig. Das „Aufreger-Thema“, die geplante Einquartierung von rund 50 Schutzsuchende in dem ehemaligen Bürogebäude der Mademühlener Firma Günther, unweit des Mademühlener Kindergartes, hatte fast 100 Menschen aktiviert.

Ortsvorsteher Sebastian Stahl, von den Mitgliedern des Ortsbeirates unterstützt, begrüßte neben Driedorfs Bürgermeister Carsten Braun (CDU) auch den Leiter der Herborner Polizeistation Markus Schmitt, der eigens erschienen war, um Sicherheits-Fragen aus dem Publikum zum Thema zu beantworten. Derzeit befänden sich rund 6 700 Asylbewerber im Lahn-Dill-Kreis erklärte Aurand und zusätzlich etwa 3600 Flüchtlinge aus der Ukraine. Da die „kreiseigenen Unterkünfte“ überlastet seien, habe man 975 von ihnen auf die Städte und Gemeinden des LDK verteilt. 43 Personen kämen jede Woche im Kreisgebiet, respektive den Ankunftszentren dazu. Diese im Quartalsdurchschnitt vom Land Hessen zugewiesenen 560 Menschen müsse man entsprechend der aktuellen Gesetzeslage unterbringen.

Driedorf mit seinen Ortsteilen beherberge aktuell 57 Schutzsuchende plus 47 Ukrainer, ergänzte Carsten Braun. Im „Ankunftszentrum“ Heisterberg werden die Neuankömmlinge aufgenommen und bereits nach einer Woche im Kreisgebiet weiterverteilt, erfuhren die Mademühlener.
Der Investor, der erst im Februar dieses Jahres die Gebäude der ehemaligen Firma Günther in Mademühlen kaufte, hatte sie kurz darauf dem Kreis zur Miete angeboten. Der schlug zu und wartet jedoch noch immer auf die Vertragsunterzeichnung. Auch ein Antrag auf Nutzungsänderung vom Fabrik-auf Wohngebäude habe der Eigentümer bisher noch nicht gestellt.
Braun berichtete auch von der Driedorfer Unterkunft im Sonnenweg (dem ehemaligen Altenheim), das derzeit mit 18 Personen belegt sei und noch zahlenmäßig erweitert werden könne.
Da die Gemeinde immer geeignete Unterkünfte für Geflüchtete suche, bat der Bürgermeister die Anwesende um entsprechende Hilfe. Angebote aus Waldaubach hätten sich zerschlagen und was mit dem ehemaligen EAM-Gebäude (Zum alten Sack) in Hohenroth aktuell geplant sei, entziehe sich seiner Kenntnis.
Ein Flyer, der seinerzeit in Driedorf kursierte und die Besorgnis der Kindergarteneltern und der Mademühlener Bevölkerung zum Ausdruck bringen sollte, kam ebenfalls zur Sprache. Da Braun Angaben über die Ersteller darauf vermisste, habe er damals die Polizei eingeschaltet, die wiederum den Staatschutz in Aktion versetzte. Das habe sie menschlich sehr enttäuscht rief eine Zuhörerin Braun zu.
Jupp Riem habe sich als Integrationshelfer der Gemeinde zur Verfügung gestellte und er habe dies Engagement sehr begrüßt, freute sich Braun. Der Wahl-Driedorfer erklärte in einem kurzen Statement in welcher Form er sich um Asylbewerber und Ukraine-Flüchtlingen kümmern wolle.
Peter Klingelhöfer, ehemaliger Polizei-Dienststellenleiter, ist mittlerweile beim Kreis für Sicherheitsfragen zuständig. Er betonte, dass es bisher in den Unterkünften Haiger und Wetzlar zu keinerlei Problemen mit Flüchtlingen gekommen sei. Auch die Nähe der Unterkunft Günther zum Mademühlener Kindergarten sehe er eher als unproblematisch an.
Das bestätigte auch Markus Schmitt. „Ich habe viel Verständnis für die Sorgen und Nöte der Betroffenen Bürgerinnen und Bürger“, sagte er. Auf den Zuruf aus dem Saal „Vergewaltigung“ reagierte er gelassen. Natürlich könne man nicht von vorneherein alles ausschließen. Er legte den Bürgern ans Herz sich im Falle eines Falles vertrauensvoll an die Polizei zu wenden.

Auf die Durchmischung bei der Unterbringung geflohener Menschen werde großen Wert gelegt, erfuhren die Mademühlener Bürger. Man wolle damit verhindern, dass keine der Familien zu stark werde. Auf die Frage, wann denn die ersten Flüchtlinge in der Unterkunft Günther ankommen werden, erfuhr man, dass dies nicht vor Vertragsunterzeichnung mit dem Eigentümer der Fall sei. Wie es denn um die Sicherheit bei Pöbeleien oder gar Belästigungen bestellt sei, wollte einer der Anwesenden wissen. Klingelhöfer stellte kategorisch fest, dass es dafür bisher keine Anlässe gegeben habe. Auf diese Antwort reagierte ein Großteil der Saal-Anwesenden mit hörbarem Unmut.
Auch der Vorwurf, dass mal ein Kind „abgestochen“ werden könne, sei unbegründet. Diese Antwort war für viele Menschen offensichtlich ebenfalls unbefriedigend. Eine Zuhörerin verschaffte ihrem Herzen lautstark Luft, indem sie die „unerträgliche Hetze“ gegen Flüchtlinge verurteilte.
Keine befriedigende Antwort erhielt ein Pedant auf die Frage, ob denn die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft ganz in Mademühlen bleiben würden. Aurand: „Darauf haben wir leider keinen Einfluss.“ Ein anderer Frager wollte von ihm wissen, ob denn überwiegend Familien oder Alleinreisende kommen. Dies sei ganz unterschiedlich und könne von ihm nicht präzise beantwortet werden, so die Antwort des Sozialdezernenten.

Den Einwand eines anderen Fragers, warum der Kreis nicht endlich sage, dass es mit dem ständigen Zustrom an Flüchtlinge genug sei und zur Kenntnis nähme, dass die Menschen die Nase so langsam voll hätten, wurde von großem Beifall begleitet. Aurand antwortete, dass es gesetzliche Vorgaben gäbe, an die man gebunden sei.
Stahl versuchte die Wogen zu glätten, indem er fragte, wer sich den in die Flüchtlingsarbeit einbringen möchte. Jupp Rem wies daraufhin, dass sich schon bald potentielle, ehrenamtliche Helfer in den Räumen der FeG in der Wiesenstraße treffen werden, um dieses Thema eingehend zu besprechen.
Warum werde denn erzählt, dass alles noch offen sei mit der Anmietung des Gebäudes, wollte ein weiterer Fragesteller wissen. Es sei doch erkennbar mit dem Ziel gekauft worden, es dem Kreis als Flüchtlingsunterkunft anzubieten.
Eine junge Frau machte deutlich, dass sie in den Ängsten und Sorgen keinerlei Hetze erkennen könne. Das träfe auch auf den genannten Flyer zu. Sie habe ungute Erlebnisse mit diversen Personen gehabt und wisse somit wovon sie spreche. Einen Generalverdacht erteilte sie aber eine klare Absage. Die Nachrichten und Bildbeiträge in den Medien über Zustände in öffentlichen Badeeinrichtungen sprächen jedoch eine klare Sprache und habe ebenfalls mit Hetze sicher nichts zu tun.
Schmitt sprach daraufhin von subjektiven Sicherheitsgefühlen und bezog sich damit auch auf den Herborner Bahnhofsvorplatz. Da reiche schon der Anblick fremder Gesichter bei manchen Menschen für Unwohlsein. Straftaten gäbe es jedoch nicht und das treffe auch auf Driedorf zu. Er räumte allerdings ein, dass es eine hundertprozentige Sicherheit nicht gebe und natürlich könne man auch „abgestochen“ werden. Auf den Einwand aus dem Saal, dass in Driedorf erst vor kurzem etwas passiert sei, antwortete Aurand, dass er vor Verallgemeinerungen warne. Es passiere außerdem so viel auf der Welt.
Karl Heinz Bellinghausen stellte in Abrede, dass das Erlernen der Deutschen Sprache ein Garant für Integration sei. Dies hätten die Unruhen, ausgelöst von französisch sprechenden Einwanderern in Paris, gezeigt. Für Deutschland bestehe auch keine Pflicht zur Selbstzerstörung. Die Flüchtlings-Kontingente bestünden zu 70 Prozent aus jungen Männern, die das Dorfleben in Mademühlen drastisch verändern würden. Seine Einlassungen honorierte der größte Teil der Anwesenden mit anhaltendem Klatschen.

Um die mittlerweile ziemlich aufgeheizte Stimmung ein wenig herunterzubringen, wies ein anderer daraufhin, „dass die Anwesenden die Flüchtlingsproblematik der derzeitigen Bundesregierung nicht lösen würden.“ Er stellte die rhetorische Frage, ob der Brandschutz bei eingehender Prüfung das Objekt Günther vielleicht als ungeeignet einstufen könne und somit eine „klitzekleine Chance“ bestehe, die Belegung zu verhindern.
Eine junge Frau aus Münchhausen betonte, dass sie nach dem letzten Vorfall am Heisterberger Weiher, bei dem ein Asylbewerber angeblich ein junges Mädchen geküsst haben soll, ihre Tochter nicht mehr alleine dorthin zum Baden schicken werde. Auch dieser Beitrag wurde von den Zuhörern mit Beifall honoriert. Sie sagte, dass sie sich durch die jungen Männer gestört fühle und betonte gleichzeitig, dass sie gegen Familien nichts habe.
Die Antwort von Aurand war auch in diesem Fall wenig zufriedenstellend. „Wir erhalten wöchentliche Zuweisungen von Familien oder Einzelreisenden.“
Die Anregung aus den Zuhörerreihen für den Kindergarten einen Sicherheitsdienst zu verpflichten wurde wegen der geringen Aktualität verworfen.
Bürgermeister Carsten Braun sagte in seinem Abschluss-Statement, dass er sehr große Angst vor einer Spaltung des Ortsteils habe. Der Ortsvorsteher hingegen machte noch einmal deutlich, dass es ihm und dem gesamten Ortsbeirat darum ging, mit dieser Info-Veranstaltung den aktuellen Sachstand in Erfahrung zu bringen.
Fazit: Die Mademühlener Ortsbeiratssitzung hinterließ eine Menge offener Fragen, die vermutlich schlussendlich nicht beantwortet werden konnten. Fakt ist, dass trotz mehrerer Beschwichtigungsversuche von Seiten der Offiziellen die Besorgnis der Mademühlener Mütter und Väter geblieben ist. Das Positive an der Veranstaltung war hingegen, dass sich beide Seiten miteinander ausgetauscht haben. sig/Fotos: Gerdau























