Gehört, gesehen und erlebt.

Corona hat sich mit einem Paukenschlag zurückgemeldet. Allen Leugnern und Ignoranten zum Trotz, der fiese kleine Drecksack lebt und erfreut sich bester Gesundheit. Während die meisten Menschen sich bemühen, seiner Ausbreitung mit Maske und Abstand einen Riegel vorzuschieben, helfen andere dem Virus fleißig sich zu vermehren. Man fliegt in Urlaub- „das wird man sich ja wohl noch gönnen dürfen“- feiert fröhlich masken-und abstandsfreie Partys und bezichtigt Mahner als Spaßverderber und Panikmacher. Die steigenden Fall-Zahlen und R-Faktoren sprechen eigentlich eine deutliche Sprache.  OK, wir werden sehen wer Recht hat, aber leider weiß man das immer erst hinterher. Bis dahin wird jedoch noch so mancher Beatmungsschlauch in irgendwelche Lungenflügeln geschoben worden sein.

Einkauf mit Maske, aber der Abstand muss auch gehalten werden.

Ernst beiseite, es gibt natürlich auch noch spaßige Begebenheiten wie zum Beispiel vor kurzem in Herborn. Gold und Silber An-und Verkaufsläden sind existenziell von höchster Bedeutung für eine kleine Stadt. Was machen deren Bürger denn nur mit den Bergen von Zahngold ihrer verstorbenen Angehörigen. Auch deren hinterlassene Pelze wollen schließlich nicht nur mit Mottenkugeln in irgendwelchen muffigen Schränken ihr Dasein fristen. Das dachte sich auch ein Zeitgenosse und ließ sich in Herborns oberer Hauptstraße nieder. Gold und Silber Ankauf und Verkauf sowie der Ankauf von Pelzen aller Art und Größe sein Begehr. Doch die Freude den Bürgern der Bärenstadt etwas Gutes zu tun, währte nicht lange. Kaum zwei Stunden eröffnet, schon waren die Ordnungshüter zur Stelle und der Laden war schon wieder Geschichte. Über die Hintergründe der guinnessreifen Aktion war bisher noch nichts in Erfahrung zu bringen.

Das Restaurant im „Hotel zum Löwen“ in Herborn läuft. Auch die hessische Umweltministerin Priska Hinz überzeugte sich mitsamt Gatten Manfred Rompf am Samstagabend von der Schmackhaftigkeit der Gerichte und dem Ambiente des neu eröffneten Restaurants in der Turmstraße. Von der vermutlich 1577 herrschenden Ruhe- dieses stattliche Alter sieht man dem jugendlich frischen Haus nicht an-war jedoch wie meist an Sommerabenden auf der idyllischen Terrasse nichts zu spüren. Spätpubertierende „Möchte-Gern-Rennfahrer“ ließen Papas oder Luxusauto-Verleihers Lamborghini, Audi R 8 und Co an dem Anwesen vorbeiröhren, dass es eine Wonne für Bronchien und Ohren war. Ganz sicher wird der Herborner Stadtrat noch lange nicht so weit sein, diese und andere innerstädtischen Straßen, wie auch den schmalen Weg, für Poser- und Durchgangsverkehr einfach dicht zu machen. Es wird noch viel eigenes Erleben und Proteste der Anwohner bedürfen, um einen solch komplizierten Denkprozess in Gang zu setzen.

Der Pächter des Herborner Löwen Achim Betz (61) ist mit der Resonanz auf sein Restaurant ganz zufrieden.

Apropos Polizei. Was zurzeit in Deutschland mit den Menschen gemacht wird, die Sicherheit garantieren sollen und dafür ihre eigene Gesundheit und auch ihr Leben einsetzen, ist schlichtweg ungeheuerlich. Polizistinnen und Polizisten stehen wieder einmal am Dauer-Pranger und (fast) alle Medien machen fleißig mit. Was sich da am linken Rand der Politik zusammenbraut, ist in seiner Tragweite für unsere Republik bisher noch kaum ganz zu überschauen. Polizisten sind Rassisten, wenn sie Andersfarbige kontrollieren, sind Nazis, wenn sie Gewalttäter aktiv zur Ordnung rufen, sind Scheiß-Bullen, wenn sie Verkehrs-Rowdys erzieherisch mit Bußgeld belegen. So tönt es allenthalben aus linken Kreisen und die Medien machen fleißig mit. Der sogenannte brave Bürger ist irritiert und fühlt sich alleine gelassen, wenn er Gewaltorgien wie in Stuttgart oder Frankfurt miterleben muss. Er bekommt die Hilflosigkeit der Beamtinnen und Beamten hautnah mit und fragt sich was da eigentlich abgeht. Liegt es an Ausrüstung und Ausbildung? Nein, ganz sicher nicht.

Der Staat lässt seine Exekutive einfach im Regen stehen und die Justiz spielt den Gesetzesbrechern immer mehr in die Hände. Taschendiebe die gefasst, am nächsten Tag wieder ihrem Handwerk nachgehen, Dealer die im Schutze ihres Andersseins völlig unbehelligt in der Öffentlichkeit ihr Gift besonders an junge Menschen verticken. Ist das alles unabänderlich? Ganz sicher nicht. Aber es hat System vermutet Otto Normalverbraucher und wirft den Verantwortlichen mehr oder weniger berechtigt Totalversagen oder noch schlimmer Absicht vor. Die Polizei springt derweilen immer mehr im Kreis, weiß schon nicht mehr welche Ausgabe der Straßenverkehrsordnung aktuell gilt oder schon wieder überholt ist.

Der alte Streifenhelfer vom 1.12.2017 gilt wieder. Wer ihn nicht weggeworfen hat ist jetzt in einer glücklichen Lage.

Die Männer und Frauen versuchen immer noch verzweifelt Recht und Ordnung zu garantieren. Das alles ohne den Rückhalt, den Gesetzeshüter dringen brauchen. Da fallen die Ministerpräsidentin Genossin Malu Dreyer und besonders die SPD-Heilsbringerin Eskens über die ach so böse Polizei her und fordern Überprüfungen und Ahndung angeblicher Polizeigewalt. Jetzt stehen sogar Polizeiabfragen auf dem Prüfstein. Über die Gewalt der Straße dagegen, sprechen und schreiben meine Kollegen von der überregionalen Tagespresse nicht besonders gerne. Wohl aber akzeptieren sie Hetz-Artikel wie den von taz, indem eine „Journalistin“ fordert, dass die Polizei auf den Müll gehört. Wo bleibt der ansonsten übliche Aufschrei der Anständigen. Was passiert denn, wenn die Polizei wie schon mancherorts praktiziert, einfach wegschaut, um allem aus dem Wege zu gehen. Wollen wir einen anarchistischen Staat? Ganz sicher nicht. Wenn das alles so weiter geht, bekommen wir ihn garantiert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die gesellschaftliche Degeneration mit Riesenschritten fortschreitet. Text und Fotos: Siegfried Gerdau

Keine Ferienpause und Gartenarbeit ist angesagt, aber Gerdaus-Welt geht weiter.

In den nächsten Tagen werde ich in einem neuen Blog über ein Juwel auf dem Westerwald berichten, dass aber noch nicht in Betrieb gegangen ist.

In Herborn hat sich die Café-Haus-Szene etwas verändert. Lulas ist nicht mehr-der Betrieb geht aber unter neuer Adresse weiter. Mehr dazu in der kommenden Woche.

Auch Danis Café in der Mühlgasse ist leider Gottes passé, was daraus wird, werden wir noch erleben.

Es gibt auch schönes zu berichten. Diese Tabakpflanze war es mir Wert sie auf meinen Chip zu bannen.

Die Stadt hat den „Radweg“ durch die Stadt mit entsprechenden Zeichen auf den Straßen gekennzeichnet. Wenn’s hilft, dann OK.

Vielleicht hätte dieses Schild am Herborner Weinberg leserlicher sein sollen. Das hätte Menschen mit Bebauungsgedanken sicher abgeschreckt?!

Die geplante oder noch nicht geplante Bebauung des Herborner Weinbergs, wird ebenfalls ein Thema in Gerdaus-Welt sein. Ich persönlich hoffe noch immer auf ein Umdenken. Das Thema stand schon vor vielen Jahren auf der Agenda und durch entsprechendes Abwehrfeuer hatte man damals den Gedanken verworfen. Herborn braucht sicher Wohnungen, die bezahlbar sind. Das sollte der Hauptantrieb für die Verantwortlichen der Stadt sein. Eine zweite Sünde wie die Bebauung des Pertuis-Platzes darf sich nicht wiederholen. Ich hoffe, dass sich die politische Landschaft in der Stadt zum positiven geändert hat und dass im Rathaus die Umwelt und der ideelle Lebenswert mehr im Vordergrund stehen.

Immer wieder klagen besonders die direkt oder auch indirekt von dem Lärm nicht bezahlter aber getunter Limousinen und Motorräder Betroffenen über nächtliche Ruhestörungen. Die Fahrzeuge entfalten einen Lärm, der einfach nicht hinnehmbar ist. Der Polizei will ich keinesfalls einen Vorwurf machen. Sie schaffen mit den wenigen Beamten kaum ihr Pensum und wer weiß welchen Raum sie damit pro Schicht abdecken müssen, wird kaum mehr Einsatz fordern.

Hier könnte ich mir vorstellen, die Geschwindigkeitsüberwachung auch einmal auf die Nacht zu verlegen und die Ordnungspolizisten ebenfalls einmal zu Zeiten, die nicht unbedingt in die tägliche Dienstzeit passt, einzusetzen. Bei der Landespolizei, die in etwa das gleiche Gehalt bekommen, heißt so etwas Schichtbetrieb.

Der ruhende Verkehr besonders an der Peripherie verdient es ebenfalls, dass mal ein Auge darauf geworfen wird. Die Innenstadt ist ja von der Verkehrsüberwachung durch die städtischen Ordnungshüter sehr gut abgedeckt und das wissen leidgeprüfte Knöllchensammler am besten. Der Beamte, der jedoch nur die Westerwaldstraße hoch fährt, hätte an einem normalen Spätnachmittag schon einen Großteil seines Knöllchenblocks vollgeschrieben. Da gehört das Parken an Einmündungen und auf den Bürgersteigen zur Tagesordnung. Leider trifft das aber auf die meisten Herborner Nebenstraßen zu.

Um beim Thema zu bleiben. Der Herborner Bahnhof entwickelt sich immer mehr zu einem negativen Hotspot für gelangweilte Individuen, die den „normalen“ Reisenden durch ihr aggressives Verhalten Angst einflößen.

Darüber schrieb ich schon einmal vor wenigen Jahren und löste einen kleinen Tsunami im Rathaus aus. Damals verwies ich auf die Drogenszene, die immer ungestörter ihr Unwesen treibt. Wer nicht glaubt was ich gerade geschrieben habe, sollte sich einmal außerhalb der normalen Dienststunden im Bahnhofsumfeld aufhalten. Am besten aber sehr unauffällig damit er keine Prügel bezieht.

Hier rächt sich die Ignoranz der vorherigen Rathaus-Administration Viele Politiker quer durch die Parteienlandschaft hatten immer wieder gefordert die Ordnungspolizei im Bahnhof sesshaft zu machen. Das begrüßt sogar die Bahnpolizei, die ja bis zum Bahnhofsgebäude zuständig ist und gerne die Unterstützung der Stadtpolizei in Anspruch nähme. Es geschah bis heute nichts.

Die Zeiten haben sich drastisch geändert und vielleicht auch bald die Einsicht etwas tun zu müssen. Dazu gehört auch eine ordentliche Videoüberwachung und keine lächerlichen Dummies.

So das wars. Ich alter Pessimist gehe davon aus, dass meine Anregungen kaum etwas bewirken werden. Vielleicht habe ich mich aber diesmal getäuscht. Es würde mich und besonders die genervten Herborner Bürger sicher freuen.

Etwas sehr trauriges noch zum Schluss. Mein Freund Hans-Otto Repp, der in Herborn und besonders in den Schützenvereinen des Kreises und darüber hinaus so etwas wie eine Institution war, ist gestorben. Zwei Tage vorher traf ich ihn wie an den meisten Tagen in den ich in der Stadt unterwegs war in seinem Lieblingscafé La Momenta gegenüber des Rathauses. Das Bild, dass ich aus einer Laune heraus schoss, hat sich mir mittlerweile eingebrannt. Hans-Otto mach’s gut. Du wirst unserer kleinen Welt sehr fehlen. Ich und viele andere werden dich nie vergessen. Ich verneige mich tief vor einem guten Freund.

Hans-Otto Repp ist für immer von uns gegangen.

Ich wünsche euch dennoch einen schönen Abend und denkt daran: Das Leben mit Anstand genießen ist die Parole. Man kann nichts nachholen und mitnehmen erst Recht nicht. Euer Siggi

Studentenmühle-ein stiller Traum im Eisenbachtal

Von Siegfried Gerdau

Der Tipp von Freunden erwies sich als Volltreffer.

Die Studentenmühle ist leicht zu finden und gut zu erreichen.

Wir suchten einen schönen Ort, um im kleinsten Kreise meinen Geburtstag feiern zu können. „Ihr müsst zur Studentenmühle in der Nähe von Montabaur fahren“, empfahlen Arbeitskolleginnen und Nachbarn. Ein Blick ins Internet www.studentenmühle.de versprach einiges und das wollten wir bestätigt sehen. Die Eingabe im Navi „Studentenmühle“ reichte und wir erreichten eine völlig andere Welt inmitten des Waldes. Auch der idyllisch gelegene Campingplatz kurz vor dem Ziel erweckte als alte Wohnmobilisten unser Interesse.

Das Idyll hat einen Namen.

Der Naturpark Nassau mit seiner verkehrsgünstigen Lage nahe der BAB 3, nur wenige Kilometer von Montabaur mit seinem ICE-Bahnhof ist viel mehr als nur ein Ausflugziel.

Gut ausgeschilderte Wanderwege laden zu ausgedehnten Spaziergängen ein.

Wunderschöne Wanderwege in einer Stille, die man hier so nicht vermutet hätte, laden ein Geist und Seele zu streicheln.

Viel Historie mit hochmodernem Gepräge.

In der unmittelbarer Nähe des Dörfchens Nomborn mit seiner frühgotischen Kirche und einer Glocke aus dem 13. Jahrhundert bleibt die Welt scheinbar stehen und die unter Naturschutz stehenden drei Linden vor dem romantischen Kirchlein sind die ewigen Wächter.

Im Jagdzimmer Wildgerichte verzehren.

Unten, am Fuße des Bornkastens, liegt die Studentenmühle. Nicht weit von ihr führte die alte Handelsstraße von Montabaur nach Limburg. Sie wurde später zur Chausseee „Frankfurt-Ehrenbreitenstein“ umgebaut und diente 1812 Napoleons Truppen als Heerstraße auf seinem Weg nach Russland. Goethe hat vermutlich drei Jahre später in der Studentenmühle übernachtet.

Die Hausbemalung erinnert an die Mühlenvergangenheit.

Zurzeit von Herzog Adolf von Nassau war die Mühle Ausgangspunkt für dessen Jagdgesellschaften. In dieser Zeit gehörte sie dem reichen Kaspar Müller. 1918 wurde sie nach mehreren Besitzerwechseln an den pensionierten Lehrer Hans verkauft. Dessen Sohn der Müllermeister Josef Hans führte den Müllerbetrieb bis 1956. Das große Mühlensterben hatte begonnen und der Müller baute seine Mühle in ein Gasthaus um.

Das Mühlrad ist neu und dient zur Dekoration

Nachdem Tochter Gabriele 1972 die Mühle übernommen hatte, entwickelte sie das weithin bekannte Hotel Restaurant zu einer Institution , die auch gehobenen Ansprüchen gerecht wird. Alle fünf Kinder der Besitzerin sind heute in das Unternehmen eingebunden. Neben sehr großen Räumlichkeiten beispielsweise für Tagungen, gibt es mehrere moderne Räume als auch welche im historischen Gewand. Das Haus in seiner idyllischen Lage eignet sich hervorragend für romantische Hochzeitsfeiern und auch für Busausflüge. Die Eisenbachterrasse mit Blick auf das namensgebende Gewässer ist ein Traum, den man sich unbedingt leisten sollte. Der Strom für alle Anlagen kommt vom Dach und der eigenen Wasserturbine aus dem Eisenbach.

Vorbei an dem Hotelzimmertrakt geht es in den Wald.

Die 32 Hotelzimmer und die einzigartige Restaurant-Küche sind eine Symbiose, die nur schwer zu toppen ist. Man kann a la Carte oder das Gericht des Tages essen und wir entschieden uns für Rinderbäckchen und Gemüseschnitzel.

Die Zutaten der Gerichte wie hier die Rinderbäckchen, stammen alle aus der Region.

Selbst die Salatteller waren eine Offenbarung und schreien förmlich nach Wiederholung. Ein besonders Schmankerl sind die vielfältigen Wildgerichte. Die Preise sind insgesamt sehr moderat. So kostet das Zimmer mit Frühstück ab 45 Euro pro Person. Besonders ins Auge sticht auch die ausgesprochene Höflichkeit und Professionalität der Servicekräfte. Wir wurden von einer Tochter das Hauses regelrecht verwöhnt.

Der süße Esel ist der Freund aller Kinder.

Wenn dann noch der kleine schnuckelige Esel auf der nahgelegenen Weide schreit, ist das Glück zumindest für ein paar Stunden perfekt.

In der Studentenmühle im Eisenbachtal beim Nomborn ist die Welt noch in Ordnung. Fotos: Siegfried Gerdau

Information und Kontakt:

Studentenmühle 1, 56412 Nomborn
Telefon: 06485 9122-0
Web: www.studentenmuehle.de

Omas Suppenrezepte

Ein Blick auf die evangelische Stadtkirche Haiger um 1900

Die sogenannte „schlechte Zeit“ zwang die Menschen nicht nur den Gürtel enger zu schnallen, sondern auch Rezepte zu entwickeln, die es ihnen ermöglichte schmackhafte Gerichte auf den Tisch zu bringen, die wenig kosteten.

Mehr zufällig bekam ich Zugang zu einem ziemlich lädierten Büchlein, welches eine Sammlung von handgeschriebenen Rezepten enthielt. Mein Pech: Es war fein säuberlich in einer Schrift geschrieben, die ich selber zwar ansatzweise noch in der Grundschule lernte, aber das meiste davon vergessen habe.

Rezeptkladde von Uroma Josefine Kirchhoff geborene Rademacher.

Mein Glück: Bettina Georg, die pensionierte Herbornseelbacher Schulleiterin. Sofort erklärte sie sich bereit die Sütterlin- Schrift in das neue Deutsch zu übersetzen. Herzlichen Dank dafür an die heimische Mundartexpertin.

Die Autorin des Rezeptbüchleins Josefine Kirchhoff geborene Rademacher mit ihrem Ehemann Alois Kirchhoff.

Von welcher Schrift ist denn hier die Rede?

Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin (1865-1917) entwickelte die sogenannte „Sütterlinschrift“. Sie wurde seit etwa 1900 bis etwa 1942 und dann noch einmal um 1954 in deutschen Schulen unterrichtet. Die Schrift wird im Volksmund auch die „deutsche Schrift“ genannt. In alten Urkunden oder Kirchenbüchern ist sie noch zu finden. Eine exakte Schreibweise ähnlich der Kalligraphie (Schönschrift) ist das besondere Kennzeichen der Sütterlin-Schrift.

So wie hier auf einem alten Gemälde, sah der damalige Mittagstisch wohl in den wenigsten Häusern aus.

So, und nun die versprochenen Rezepte:

Haferflockensuppe

50 g Haferflocken, 1 Liter Wasser, 200 g frische Äpfel, Salz, Zucker, nach Geschmack Zitronenschale oder Zimt.

Die Haferflocken werden mit kaltem Wasser und dem vom Stiel und Blüte befreiten Äpfeln, Zimt und Zitronenschale aufgesetzt und 1-2 Stunden gekocht, durch ein Sieb gestrichen, nochmals aufgesetzt und mit Zucker und Salz abgeschmeckt.

Geröstete Grießsuppe

1 Liter Brühe, 50 g Grieß, 20 g Butter, Salz, Porree, Petersilie.

Zu der erhitzten Butter gibt man Zwiebel, Porree und Grieß, den man braun röstet, füllt mit Brühe auf, lässt 20-30 Minuten kochen und schmeckt mit Salz und Petersilie ab.

Butterreissuppe

20 g Butter, 50 g Reis, 1 Liter Brühe oder Wasser, 1 kleine Zwiebel, etwas Porree, Salz und Maggi.

Nachdem die Butter erhitzt ist, wird der gebrühte Reis, die fein geschnittene Zwiebel, der Porree hineingegeben und durchgeschwitzt. Nun wird Brühe zugeschüttet und die Suppe eine Stunde an stiller Stelle gekocht; man schmeckt die Suppe noch mit Salz und Maggi ab.

Braune Mehlsuppe

20 g Butter, 20 g Mehl, 1 Liter Brühe, 25 g Nudeln, 1 Zwiebel, Porree, Salz und Pfeffer.

Die Butter wird erhitzt, Mehl zugegeben und gebräunt. Nachdem Brühe aufgefüllt ist, wird das Suppengemüse zugegeben und eine Stunde gekocht. Nachdem die Suppe durchgeschlagen ist, schmeckt man mit Salz und Pfeffer ab, gibt die Nudeln hinein und lässt die Suppe noch 10-20 Minuten kochen.

Jususuppe

Nachdem man Knochen vom Braten oder vom Suppenfleisch (auch frische Knochen) leicht angebräunt und ausgekocht hat, stellt man mit Butter, Mehl und Brühe eine leichte Schwitze her. Nachdem man diese mit Salz abgeschmeckt hat, gibt man etwas gebrühten Reis als Einlage zu. Auf Wunsch kann die Suppe noch mit Salz, Petersilie, Pfeffer abgeschmeckt werden.

Semmelsuppe

In kochende Milch gibt man Zucker, grobgeschnittene Mandeln, Rosinen, Korinthen und etwas Zimt. Halbes Brötchen oder alte Semmel werden in Würfel geschnitten, in die Terrine gegeben, mit der Milch überschüttet und zu Tisch gereicht. Man kann die Suppe auch mit etwas Rosenwasser abschmecken.

Diese Rezeptserie will ich in lockerer Folge fortsetzen und nun viel Spaß beim Kochen wie zu Großmutters Zeit.

Siebenuhrdreißiggedanken

Von Siegfried Gerdau

26. April 1986, 1:23 Uhr Ortszeit: Im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl explodiert ein Reaktor. Radioaktive Stoffe werden 1.200 Meter hoch in die Atmosphäre geschleudert. Das Unvorstellbare war eingetreten: Der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall, der nicht mehr kontrollierbar ist. In den folgenden Tagen zogen radioaktive Wolken über Europa hinweg.

Westerwald-Landschaft

Man erinnert sich unaufgeregt daran, als läge die Katastrophe schon hunderte Jahre zurück. Dabei haben sich auch die Böden in Deutschland bis heute nicht von der radioaktiven Belastung erholt. Vor allem in Süddeutschland sind Wildtiere, Waldbeeren und Pilze in einigen Regionen noch immer teilweise relativ hoch belastet. Der Grund: 30 Jahre nach dem GAU ist die Radioaktivität in den betroffenen Gegenden gerade einmal auf die Hälfte gesunken.  

Wer spricht noch von der katastrophalen Nuklearkatastrophe am 11. März 2011 auf der Glücksinsel Fukishima. Deutschland hat reagiert und seine Reaktoren stillgelegt beziehungsweise den vollständigen Ausstieg aus der Atomenergieerzeugung geplant. Damit ist die Welt im deutschen Mikrokosmos wieder in Ordnung? Ist sie nicht! Das unsichtbare atomare Grauen geht rund um die Bundesrepublik weiter und selbst Japan kehrt zur Atomkraft zurück. Die Stimmen mehren sich auch bei uns, doch wieder über eine „saubere“ Stromerzeugung zusätzlich zu Wind und Sonne nachzudenken.

Alles fließt.

Wir haben derzeit andere Sorgen. Da war doch was mit diesem heimtückischen Virus COVID-19. Auch schon wieder vergessen? Die deutsche Spaßgesellschaft will davon nichts mehr hören und feiert ausgelassen auf Mallorca ohne Maske und Abstand und vielleicht auch ohne Anstand. Die kognitive Halbwertzeit der Gesellschaft ist mittlerweile auf wenige Monate gesunken. Lediglich ein paar Angsthasen und Hypochonder glauben, dass Corona noch nicht vorbei ist und schon bald mit voller Härte zuschlagen könnte. Hoffen wir, dass die fröhlichen Optimisten Recht behalten. Ich persönlich halte die Wahrscheinlichkeit, dass es noch viel schlimmer kommt, für viel größer.

Blick ins Aartal bei Ballersbach

Ach wie war das denn mit den Kassenbons? Ein Hype, der durch die Republik raste, nicht nur die kleinen Bäcker oder Marktbeschicker in Aufregung versetzte und die Bürger in Rage brachte. Wann war das gleich noch mal? Der Start war am 1. Januar 2020. Schon so lange her. Man kann sich kaum noch erinnern. Was damals den Medien wochenlang einen Riesenaufmerksamkeitsbonus verschaffte ist heute nicht einmal einen Bon Wert. Niemand spricht mehr darüber. Die Bäcker und andere kleinen Handelstreibenden halten sich höflich bedeckt und lassen den Bon diskret unter die Theke fallen.

Birkentraum

Die Staatsanwaltschaft betreibe „Stammbaumforschung“ um die Rädelsführer der Stuttgarter Straßenschlachten zu fassen, geifern linke Eiferer und die Medien greifen die kruden Meinungen einiger Scharfmacher begierig auf. Gestern noch waren die Polizeibeamtinnen und Beamten wegen „schlimmer Polizeigewalt“ am Pranger. Heute sollen sie Hetzer wie die die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifahrah, die deren Entsorgung auf dem Müll gefordert hatte, vor dem von ihrer Zeitung aufgeheizten Mob schützen.

Weg zum Althaus

Stehen wir vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch katastrophalen Ausmaßes oder gehen wir noch goldeneren Zeiten entgegen wie manche Politiker uns glauben machen wollen? Für viele ist es kein Thema. Man nimmt es so wie es kommt. Wir schaffen das schon sagt die Kanzlerin und das Volk will es gerne glauben. Wer viel Geld hat legt es in Betongold an. Überall sprießen Neubauten aus dem Boden. Ganz egal was mit der Umwelt wird. Wohnraum wird gebraucht, auch wenn er für die meisten schon nicht mehr bezahlbar ist. Hauptsache es werden bleibende Werte geschaffen und die Besitzenden sind ihre Geldsorgen los.

Es steht alles auf dem Prüfstein, selbst unsere recht ordentlich funktionierende Demokratie ist scheinbar vielen Weltverbesserern nichts mehr Wert.

Winterbach am Dreiländereck

Art 5   Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. …

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Nicht allzu viele Länder auf unserem Planeten können sich glücklich schätzen, einen solchen Wächter in ihrer Verfassung zu haben. Die Meinung frei zu äußern ist eines der Privilegien, dass uns die Väter des deutschen Grundgesetzes 1949 mit auf den Weg gegeben haben. Jedoch: Seit damals versuchen reaktionäre Kräfte, links-und rechtsextreme Gruppierungen, aber auch ganz „normale“ Politiker der unterschiedlichsten Richtungen immer wieder an diesen Statuten zu feilen oder auszuloten.

Zuversicht

Ich bin Stolz auf unser Grundgesetz verabscheue diejenigen, die es sezieren, nach ihren Vorstellungen auslegen oder gar einzelne Artikel abschaffen möchten. Ich respektiere die Exekutivkräfte unseres Staates und die Judikative, wenn sie ihre Aufgaben ernst nimmt und Urteile tatsächlich im Namen und zum Wohl des Volkes fällt. Ich schätze die Arbeit der Politiker aller Ebenen, wenn sie sich gemäß ihrem Wählerauftrag für die Belange des Volkes wie auch des Staates mit aller Kraft einsetzen. Ich verurteile Laissez faire-Tendenzen wenn es um die elementaren Interessen unserer Bundesrepublik geht ebenso, wie Gewalt gegen Mensch und Tier.

Ein starkes Symbol

Das waren die Gedanken, die mich heute beim Aufstehen begleiteten und damit mag es erst einmal gut sein. Zum Schluss möchte ich alle meine Blog-Leser bitten, nichts allzu schnell zu vergessen und selbst die seriösesten Informationsquellen auf ihren Wahrheitsgehalt so weit möglich zu hinterfragen. Ich weiß genau wovon ich rede und möchte sie daher vor zu schnellen Urteilen bewahren. „Nichts ist, wie es scheint“  stellte der Verschwörungstheorie-Forscher Michael Butter in einer 2018 veröffentlichten Studie vor und dem möchte ich mich anschließen. Fotos: Siegfried Gerdau

„Wu Gaggeragaagspisch en Moijäbbel woase“

Mit dem Mundart-Büchlein „Wu Gaggeragaagspisch en Moijäbbel woase“ hat sich die pensionierte Schulrektorin Bettina Georg aus Herbornseelbach zum zweiten Mal in Folge mit dem Seelbäjer Platt befasst. Bettina Georg hat das „Herbornseelbacher Deutsch“ verständlich übersetzt und hilft wohl damit dem Dialekt mit dem kräftigen R ein Weiterleben auch für die folgenden Generationen zu sichern.

Ein tolles Geschenk, für alle die Dorf erlebt haben oder es noch möchten.

Seelbacher Originale kommen in dem Buch ebenso zu Wort, wie auch Erzählungen, die teils über Generationen weitergegeben wurden. Kulinarische Ergänzungen sind alte Koch- und Backrezepte, die zum Nachkochen animieren und einen tiefen Einblick in die dörflichen Kochtöpfe verschaffen. Überhaupt ist ihr das Wissen über das Leben in dem damals selbständigen Dorf Herbornseelbach derart wichtig, dass sie nicht genug davon bekommen kann. Schicksale, die aus Feldpostbriefen herauszulesen sind, Geschehnisse in der eigenen Verwandtschaft oder der Nachbarschaft und all das, was im Verlauf von Jahrzehnten so alles im Dorf passiert und unbedingt festgehalten werden muss. 

Bettina Georg mit ihrem Werk

Das 145-Seiten umfassende Buch im DIN A 4-Format hat einen ganz eigenen Charme, dem nicht nur dörfliche Insider erliegen werden. Mir hat die Wortsammlung besonders gut gefallen, weil ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder Plattschwätzer frage: „Wie wird das denn geschrieben“, aber selten darauf eine befriedigende Antwort bekomme. Jeder Abschnitt des Buches ist aufgebaut wie beim Buchstaben A: Also zunächst Wörter mit Übersetzung, dann Geschichten zum Buchstaben und an dritter Stelle Koch- und Backrezepte.

Der folgende Einblick in das Werk gibt einen kleinen Vorgeschmack.

  1. A
    1.1 Wortsammlung
    A Grammatik mögl. Übersetzung ins Hochdeutsche
    Aabee N, s / S Abort, Abtritt, Toilette
    aach Partikel auch
    Aader N, m / S Eiter
    Aag, Aae N, s / S, P Auge, Augen
    aal, aald Adj alt
    Aaldeutsche Schrift N, w / S Altdeutsche Schrift, „Sütterlin“ – Schrift
    Aal Schuul N, w / S Alte Schule, beherbergt das Heimatmuseum Seelbach unter der Regie der
    Heimat- und Geschichtsvereins 1987 eV
    Aalbabbe, Abbe N, m / S Altvater, Opa
    Aalmodder, Aawe N, w / S Altmutter, Oma
    aawischt Adj unwirsch, unleidlich
    Abbel, Äbbel N, m / S, P Apfel, Äpfel
    Äbbelkuche N, m / S, P Apfelkuchen
    Abbelsien N, w / S Apfelsine, Orange
    Äär N, w / S Erde
    äbsch Adj schlecht gelaunt
    Ärbeer, Ärbeern N, w / S, P Erdbeere, Erdbeeren
    Ärbt N, w / S Arbeit
    Ärder N, w / S Order, Bescheid
    ärwe, ärbt, geärbt V arbeiten, arbeitet, gearbeitet
    ärrern V stapeln, aufschichten
    Affegoad N, m / S Advokat, Rechtsgelehrter
    aich Pronomen ich
    Aijg, Aijer N, s / S, P Ei, Eier
    Aijerkees N, m / S Eierkäse
    Aijgger; aijggern N, m / S, P / V Acker, Äcker; ackern
    Albsch N, m / S Alberner Mensch
    alleweil Partikel jetzt
    Asga N, s / S Umschreibung für „gib Gas“: gebb Asga
    Atzel N, w / S Elster
    Auer N, w / S Uhr
    ausdou V etwas ausziehen
    aut Pronomen etwas
  2. 1.2 Geschichten und „ Verzehlcher “
    1.2.1 Aaldeutsche Schrift
    Diese Schrift, die für unsere Großeltern
    noch Standard war, durfte ich während
    der Grundschulzeit auch erlernen. Das
    hatte große Vorteile beim Sichten und
    Lesen von alten Dokumenten und
    Briefen, die ich ansonsten nicht hätte
    entziffern können. Gerade die Briefe
    meiner verstorbenen Vorfahren aus dem
    Krieg waren so für mich übersetzbar und
    konnten endlich der Familie zum
    Nachlesen überlassen werden.
  3. 1.2.2 Ärbt
    Die folgende Geschichte erzählte mir unser damaliger Pfarrer Hanstein, mit dem ich
    viele Jahre im Vereinsvorstand des Heimat-und Geschichtsvereins tätig war. Er selbst
    hatte ja in den 80igern schon ein wunderbares Büchlein mit dem Titel „Mein Seelbach“
    geschrieben und veröffentlicht, in dem er seiner Ver-bundenheit zum Dorf nebst
    Einwohnern Ausdruck verlieh.
    Doch diese Anekdote habe ich darin nicht gefunden:
    Als Pfarrer musste Hr. Hanstein sich in den ersten Monaten natürlich zunächst einmal
    an die extreme Sprache und Ausdrucksweise der Seelbacher gewöhnen. Obgleich er
    gebürtig aus Hirzenhain war, so war er doch „hochdeutsch“ im Pfarrershaushalt seiner
    Eltern aufgewachsen. Um sich keine Blöße zu geben, fragte er auch nicht immer nach,
    wenn er etwas nicht verstand, sondern machte sich seinen eigenen Reim darauf; wie
    bei der Aussage von einigen Hausfrauen, die auf seine Frage, was denn ihr Mann
    mache, immer antworteten: „Der ärbt“ oder „Der hodd geärbt“.
    Und unser Pfarrer dachte damals im Stillen, und das erzählte er mit lachenden Augen:
    „Was müssen hier doch viele Menschen gestorben sein, wenn so viele Männer erben!“
    Das kommt daher, dass die Begriffe „ärwe “ für „arbeiten“ und „erwe “ für „erben“
    phonetisch nicht zu unterscheiden sind.
    Doch nicht nur Dialekt – Unkundigen passieren solche Fehldeutungen, sondern auch
    Einheimischen, in dem Falle mir selbst, wie im Folgenden zu lesen ist.
  4. 1.2.3 Affegoad
    Oh du meine Güte, wie lange habe ich gebraucht, um die eigentliche Bedeutung dieses
    Wortes im Dialekt zu verstehen, obwohl ich doch mit „Seelbaijer Pladd “ aufgewachsen
    bin und es als meine Muttersprache ansehe. Und der Umstand kam so:
    Als zehnjähriges Mädchen, gerade auf „de huug Schuul“ , also aufs Herborner
    Johanneum Gymnasium gewechselt als erstes Kind unserer Großfamilie überhaupt,
    nannte eine meiner Tanten mich immer „ der Affegoad“ . Ich habe mich im Stillen
    extrem darüber geärgert, dachte nur, jetzt bist du nicht nur eine Brillenschlange, wie
    mir einige Kinder nachriefen, weil ich eine einseitig abgeklebte dicke Brille trug,
    sondern auch noch ein Affe. Ich wehrte mich nicht, ertrug es geduldig. Fragte auch
    nicht nach, was denn das „goad“hinter dem „Affe“ bedeutet.
    Viele, viele Jahrzehnte später, die scheinbare Schmach längst verdrängt, bekam ich
    mit, dass mein Bruder einen seiner Söhne, einen Bücherwurm, als „ Affegoad“
    bezeichnete. Ich war so erschrocken darüber, dass ich gleich einlenken musste:
    „ Weij konnsd dau nur med su em beleijdichende Worrd deun Jong tidelleijern?“
    Antwort meines Bruders:
    „Weij kimmst dau mer doa ver? Aijch will den doch net beleijdiche. Der es doch ous
    „Advokat “ en der Familie, su beleäse weij der es.
    Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Hatte ja auch lange genug gedauert.
    Mit „Affegoad“ ist der „Advokat“ gemeint, der Rechtsgelehrte mit meist sehr h ohem
    Ansehen. Also hatte mich meine Tante in meiner Jugend gar nicht beleidigen wollen,
    sondern einfach dem Umstand Ausdruck verliehen, dass ich ein belesenes Kind war.
    Endlich konnte ich herzlich darüber lachen und ihr verzeihen, obwohl es ja gar nichts
    zu verzeihen gab. So entstehen halt Missverständnisse. Gut, dass sie zuweilen geklärt
    werden können.
  5. 1.2.4 Aijer backe (von Bettina Georg)
    Weij woar dos froijer doch su schie,
    wonn mer off de Stronz konnt gieh!
    En oft noam feijern en der Noacht,
    wouwwer noch e Ponn voll Aijer gemoacht.
    Meist zesoame met vill Moann.
    Immse grießer woar de Poann.
    En hatt mer net genong Aijer ver se all,
    ging´s bein Nächste med em Hoijerstall.
    Zoum Beispiel en de Seelbaijer Meehl,
    gesonge wouwwer dou aus voller Kehl.
    Bei suvill Musiggern em musikalische Dorf,
    woar immer or debei, der es Hernche holt.
    Or de Knutsch, aach Quetschkommod genoannt,
    spilld Liejer, dej mer all gekoannt.
    Beim Hoamgieh worsch dou meist schu hell,
    doch verm Goang ens Bett moacht mer noch schnell
    en Oabstecher en de Backstoob, su schie woarm,
    vo Sophies brocht mer noch e poar Waijg med hoam.
    Fersch Froistegg vo der „Family“,
    joa, wej worsch froijer doch su schie!
    1.3 Koch- und Backrezepte
  6. 1.3.1 Aijerkees
    Zutaten für zwei Personen
    3 Eier, 150 ml Milch, etw. Salz + Zucker: verrühren, ins Weck-Glas und ins Wasserbad
    Wenn die Masse gestockt ist, kann diese in die Eierkäseform umgefüllt werden.
    Hat der Eierkäse seine Festigkeit in der Form erreicht, kann er gestürzt werden. Nun
    ist er bereit als Belag f ür Weißbrot oder Kringe. Bestreut wird er mit Zimtzucker.
    Möchte man für mehr Personen Eierkäse machen, rechnet man einfach pro Ei: 50 ml
    Milch dazu und entsprechend mehr Salz und Zucker; also bei 10 Eiern: 500 ml Milch!

Das Buch kann man für 15 Euro direkt bei der Autorin Bettina Georg in der Bergstraße 8 in Herbornseelbach, Phone 02772/62867 beziehen.

Sue Werrerrr

Pfarrer i. R. und Stadtführer Ronald Lommel beherrscht das Westerwälder Platt wie kaum ein anderer. Besonders schön klingt es, wenn er seine selbst getexteten Gedichte in dieser Mundart vorträgt. Übers Wetter kann man immer sprechen, mag er sich da gedacht haben und wer in versteht, dem gefällt dieses wunderschöne Gedicht sicher sehr gut.

Mitten unter den Menschen fühlt sich Ronald Lommel am wohlsten.

Sue Werrerrr

De Sonn sticht strak vom Him-mel her,

 ganz gna-den-los id Land.

De Men-sche kimmt doat ko-misch ver,

 hoed sue noch net ge-kannt.

De Luft es häeß, en setzt wej Blei

 i je-der E-cke denn.                                                

Doat gieht ze weit, ihr lejwe Leu                       

 Wann dowt dej Hetz`verschwenn?  

Etz wär-det Zeit, doat et bahl raant                      

 sust gieh mir hej noch i –

nur blo-er Him-mel uss be-gaant

 doat es etz nau-mi schie.

Uff emohl hiert mer i der Hetze

 ganz weit a lei-ses Grolln

Doat kimmt, wej aich-ed i-schät-ze

 Sue schwinn als häd-det Rolln

Donkel wär-det aach ganz plötz-lich              

 dicke Wolge  ver dr Sonn

Et blitzt en doont barwarsch en schrecklich

 als wärt de letzte Stonn.

De Vi-jel flej dicht ew-werm Burre,

 Beme läe sich i de Wend

Schun feng-tet anoch oe ze scher-re

  Gewirrer,  sue a Ge-werrer

Et kracht en blitzt, et stürmt en jaht

 im Nu esst trät-sche-nass

wer häd-de doat verher ge-ahnt                       

 Sue Werrer mächt ken Spaß   

Doch schwinn wejt kom, genget ver-ewer

 Der Him-mel farbt sich werre blo

Nur kurz woar des-mohl doat Ge-werrer

  • de Sonn es werre gleunich do…

                                   2019 Ronald Lommel

Platt-Sprech verbindet

Wer im Herborner Raum von Dialekten und plattsprechenden Menschen spricht, denkt sicher unwillkürlich an den mittlerweile emeritierten, langjährigen Pfarrer Ronald Lommel. Der Geistliche mit dem markanten Vollbart, hat sich wie kaum ein anderer im heimischen Raum mit den hier vorkommenden vielschichtigen Mundarten befasst. Kenner hören bei ihm ganz deutlich den Langenaubacher Jung heraus, wenn als Fremdenführer durch Herborns Gassen führt, um ihnen die Stadt an der Dill nahezubringen. In der heimischen Mundart sprechen ist eine Sache. Ronald Lommel reicht das jedoch nicht. Akribisch, fasst wissenschaftlich setzt er sich immer wieder mit den Dialekten auseinander. Im hessischen Mundart- Dachverband ist er der 2. Vorsitzende und dort setzt er seine ganze Kraft für die regionale Sprache und deren Erhalt ein. Dem nachfolgenden Artikel werden noch weitere in meinem Blog folgen und ich bin Stolz darauf, diese hier veröffentlichen zu dürfen. sige

Hochdeutsch, Platt, Dialekt und Mundart                                     

von Ronald Lommel

Seit einigen Jahren stelle ich fest, dass immer mehr Menschen in unserer Region sich zu ihrer Heimatsprache, dem sogenannten „Platt“ bekennen. Galt es lange Jahre als unschicklich und hinterwälderisch, so entdeckt und liebt man in unseren Tagen immer häufiger die Einzigartig-keit und Besonderheit unser eingeborenen Sprache. Als Stadtführer bin ich immer wieder überrascht, wie viele Menschen mich darauf ansprechen.

Unser „Hochdeutsch“ wurde vor allem von Martin Luther bei seiner Bibelübersetzung nach der sächsischen Kanzleisprache entwickelt. 1534 erschien die erste Gesamtdeutsche, allge-mein anerkannte, Übersetzung der ganzen Heiligen Schrift. Diese Übersetzung war einfach eine Meister-leistung, die bis heute unübertroffen ist. Luther war ein Sprachgenie.

Neben dieser Kunstsprache „Hochdeutsch“ gibt es aber weiterhin eine Vielzahl von lokalen, deutschen Natursprachen, die, bedingt durch die verschiedenen Landschaften und alten Stammesherkunften der Menschen, sich ihre je eigenen Besonderheiten erhalten haben. Diese „Natursprachen“, oder, wie ich gerne sage „Heimatsprachen“ gibt es in jedem Volk. Sie alle haben einen eigenen Klang und Wellenlänge, die einem Fremden zumeist unzugänglich sind. Aber sie verbinden auch die Menschen einer Gegend, ja einer ganzen Region; denn sie vermitteln Heimat und Geborgenheit, Zugehörigkeit und Nähe, nach der viele Menschen sich auch heute noch sehnen. Nicht von ungefähr wird diese Sprache auch als „Sprache des Herzens“  bezeichnet. Und ich denke, dass wir, was das Sprechen dieser Sprachen betrifft, noch ziemlich am Anfang stehen. Das liegt auch mit daran, dass sie bisher selten schriftlich vorliegen, abgesehen vielleicht mal vom „Plattdeutschen“ und kleineren regionalen Veröffentlichungen in regionalen Heimatzeitungen und deren Beilagen wie der Dill-Zeitung oder Herborner Tageblatt.

Übrigens, das Wort „Platt“ kommt sprachgeschichtlich aus dem Griechischen „platys“. Dies wurde ins Lateinische übernommen als „plattus“ und hat eine Doppelbedeutung: einmal „breit“, „eben“, „flach“ und zum anderen: „verständlich“, „deutlich“, „bildhaft“. Letzteres ist daher in Bezug auf Sprache der treffende, tiefere Sinn. Der Satz: „Ich sage es mal ganz platt“ bedeutet daher: „Ich sage es jetzt mal so, dass es jeder versteht!“ Also, kein Schnick-Schnack, kein Drumherum, sondern deutlich deutsch, frei raus, so wie es von Herzen kommt! Das zeichnet die Menschen aus, die „platt“ schwätze.

Der Ausdruck „Diaklekt“ stammt ebenfalls aus dem Griechischen und bedeutet: „die im Umgang miteinander gesprochene Sprache.“ Gegenüber dem Wort „Platt“ klingt „Dialekt“ natürlich vornehmer, trifft aber nicht automatisch den Kern einer Sache, es ist eher eine Ver-allgemeinerung. Im Jahre 1640 hat der deutsche Sprachforscher  und Wortschöpfer Philip von Zesen  für das griechische Wort „Dialekt“ das deutsche Worte „Mundart“ gefunden, im Gegen-satz zur Schreibart – auch das ist bei uns noch dergestalt im Bewusstsein, dass man gerne das Hochdeutsch reden als „nach der Schrift schwätze“ bezeichnet.

Kennzeichen der „Mundart“ ist, dass sie eben nur gesprochen und, bisher zumindest, selten aufgeschrieben ist. Es ist auch nicht einfach, sich an das Schriftbild einer Mundart einzulesen, gerade die Selbstlaute haben eine solche Bandbreite, dass dies kaum aufs Papier gebracht werden kann. Dennoch, eines erfahre ich als eingefleischter Mundartler immer wieder: Mundart eröffnet häufig völlig neue Perspektiven. Starre, feste Begriffe werden durch die Mundart ganz anders ins Leben hineingeholt. Auch Texte der Hochdeutschen Bibel erhalten durch die Mundart manchmal einen ganz neuen Schwung und eröffnen so neue Gedanken. Und das reizt mich persönlich natürlich besonders…

Der sehr beliebte ehemalige Herborner Pfarrer Ronald Lommel, hat sich der Erforschung der heimischen Dialekte verschrieben. Foto: Siegfried Gerdau

Entwickelt sich Herborn immer mehr zu einem zweiten Nürburgring?

Soeben erhielt ich folgenden Leserbrief von einem anonym bleibenden, mir aber sehr gut bekannten Herborner Bürger.

„Liebe Stadtväter, wir freuen uns, dass Ihr in dieser schweren Zeit doch noch ein Event gestattet. Nürburgring und Hockenheimring sind geschlossen, aber der „Herbornring“ lebt. PS-starke Boliden rasen durch die Innenstadt und sorgen mit röhrendem Auspuff und knallenden Fehlzündungen für eine wahre Rennatmosphäre, die keine Wünsche offenlässt. Rund um die Stadt tragen rasende Biker mit überdrehten Motoren und ohne Schalldämpfer zur Stimmung bei. Das alles sehr zur Erbauung  von Rentnern, Kurzarbeitern und Homeoffice Tätigen. Mein Vorschlag: Liebe Mitbürger, notiert euch die Kennzeichen und meldet sie ans Ordnungsamt, damit die Sieger entsprechend geehrt werden können. Eure dankbaren Herborner Mitbürger.“

Die Fahrzeugbelastung der Herborner Innenstadt ist wie hier an einem Freitagmittag in der Nassaustraße schon erheblich. Wenn dann abends und nachts noch der „Rennverkehr“ dazu kommt, reicht es auch den geduldigsten Bürgern. Foto: Gerdau

Ungeachtet des deutlich herauslesbarem Sarkasmus, spricht dieser Mann mittleren Alters, der noch voll im Erwerbsleben steht, sicher nicht wenigen Menschen in der Bärenstadt aus dem Herzen. Wer es selber erleben möchte, stelle sich Abends einfach mal an die Rennstrecke Innenstadt, Schießplatz oder Schnellstraße von Burg nach Sinn. Junge Angeber in Fahrzeugen, die sich nicht mal ein Gewerbetreibender leisten kann, lassen ihre PS-starken Motoren aufheulen, um vermutlich irgendwelchen imaginären weiblichen Wesen ihre Stärke zu demonstrieren. Die sind aber in der Regel gar nicht anwesend, weil die meisten von ihnen intelligente „Bewerber“ vorziehen. Die Anwohner, Schichtarbeiter, kleine Kinder, Senioren und Menschen, die sicher alle schon einmal einen Motor gehört haben, sind jedoch einfach nur genervt. (sige)